Wir müssen uns mit bescheideneren Maßstäben begnügen, eine Umstellung, die der gesamten eisenschaffenden Industrie zu schaffen macht“, erklärte das Vorstandsmitglied Dr. Kurt Blankenagel auf der diesjährigen Pressekonferenz der Gußstahlwerke Witten AG, Witten. Als dritter im Bunde der großen Edelstahlerzeuger der Bundesrepublik mußte nunmehr auch Gußwitten Abschied nehmen von den hohen Zuwachsraten der letzten Jahre. Konnte der Vorstand dieses im Mehrheitsbesitz der Rheinstahl-Gruppe liegenden Unternehmens vor Jahresfrist noch über ein „goldenes“ Geschäftsjahr berichten, so ist jetzt auch hier der Glanz etwas verblaßt. Das Geschäftsjahr 1961/62 stand deutlich im Zeichen der Abschwächung, allerdings – so hebt die Verwaltung in ihrem Rechenschaftsbericht hervor – hat Gußwitten im Rahmen der rückläufigen Entwicklung in der gesamten Edelstahlindustrie durchaus noch befriedigend abgeschnitten.

Der Umsatz des Unternehmens blieb mit 291 (314) Mill. DM um 7 % unter dem des Vorjahres. Daß die so hart umkämpften rostfreien Bleche nicht zum Wittener Produktionsprogramm gehören, spielt in der gegenwärtigen Entwicklung unbedingt eine stabilisierende Rolle. Einen absoluten Anstieg hatte Witten im Export zu verzeichnen; der Ausfuhranteil stieg dementsprechend auf 17 (15) % des Wertumsatzes. Damit liegt das Wittener Edelstahlwerk merklich über dem Durchschnitt der Branche, der rund 11 % beträgt. Der Exportanteil auf die Absatzmenge bezogen lag mit 15 % unter der Ausfuhrquote vom Wertumsatz, was im Gegensatz zu den Zahlen bei nahezu allen anderen Stahlerzeugern nicht gerade auf schlechtere Erlöse hindeutet. Allerdings klagt auch die Wittenguß-Verwaltung über gedrückte Erlöse.

Für die Ertragslage waren nennenswerte Kostensteigerungen vor allem im Bereich der Arbeitskosten von Bedeutung; die Tariflohnerhöhung sowie die Arbeitszeitverkürzungen forderten ihren Tribut. Der Rohertrag bleibt mit 133,2 (135,4) Mill. DM, vor allem dank des auf 147,7 (182,6) Mill. DM gefallenen Stoffaufwandes nur vergleichsweise gering hinter dem des Vorjahres zurück. Aber daraus war ein sechsprozentiger Anstieg der Lohn- und Sozialaufwendungen zu finanzieren. Die gesamten Personalkosten erforderten im Berichtsjahre – bei einer auf 7021 Mann um 2 % verringerten Belegschaft – 82,3 nach knapp 78 Mill. DM im Vorjahr.

Daß am Schluß der Rechnung bei Gußwitten nur noch der für die unveränderte Dividende von 14 % erforderliche Betrag übrigbleibt, ist indessen einer „außergewöhnlichen Belastung“ zuzuschreiben. Zugegeben, 14 Prozent sind, zumal in der Montanindustrie, eine anständige Verzinsung, aber zu berücksichtigen ist hierbei schließlich, daß die Wittener AG ein anomal niedriges Grundkapital von 20,7 Mill. DM zu bedienen hat. Der Dividendenbetrag von 2,9 Mill. DM ist wirklich bescheiden. Aber das Unternehmen hat – auch im vergangenen Jahr – wiederum mehr verdient, wenngleich die diesmal vorgenommene Reservenbildung auch nur mit Vorbehalt als solche anzusprechen ist. Das Ergebnis des Berichtsjahres wurde mit einer versteuerten Rückstellung von 4,5 Mill. DM belastet, zu der sich die Verwaltung im Zusammenhang mit der aus Wirtschaftlichkeitsgründen erforderlich gewordenen Stillegung der Rennanlage Rhein-Ruhr verpflichtet sah. Diese Rückstellung entspricht den auf Grund der vierzehnprozentigen Beteiligungsquote an den Krediten der Rennanlage zu erwartenden Risiken.

Eine Erhöhung des Grundkapitals, das im Berichtsjahre nicht weniger als vierzehnmal umgeschlagen wurde, ist in Witten nach wie vor nicht akut. Derartige Erwägungen sind bei den beiden Großaktionären – die Mehrheit liegt bei den Rheinischen Stahlwerken und ein weiteres Paket bei dem Münchener Bankhaus Merck, Finck u. Co. – kein Gesprächsthema. Allerdings beteiligen sich die beiden Großaktionäre auch ohnedem an der Finanzierung der hohen Investitionen der Gußstahlwerke Witten AG. Ohne deren „tatkräftige Unterstützung durch Geld und Bürgschaften“ – so erklärte Dr. Blankenagel in der Pressekonferenz – hätte insbesondere das Großprojekt des Unternehmens, die Drahtfeinstraße, die z. Z. modernste ihrer Art in Europa – sie kostet allein 63 Mill. DM – „gar nicht angefaßt werden können“. Im Berichtsjahre hat Wittenguß 32 Mill. DM investiert; im laufenden Geschäftsjahr rechnet die Verwaltung mit einer etwa gleichhohen Investitionssumme. Nmn