In den nächsten Monaten werden an die Aktionäre deutscher Unternehmen mehr als 1,5 Mrd. DM an Dividenden ausgezahlt werden. Wohin fließt dieses Geld? In Bankkreisen ist man der Meinung, daß ein Teil davon in Aktien reinvestiert werden soll. Da größere Kapitalerhöhungen nicht in Aussicht stehen, würden diese Mittel also zusätzlich in den Aktienmarkt gepumpt werden und dann dafür sorgen, daß die Nachfrage das Angebot übersteigt. Aber das ist nicht der alleinige Grund für den in den letzten Wochen vorsichtig aufkommenden Börsenoptimismus. Mit einiger Hoffnung blickt man auf den New Yorker Aktienmarkt, wo der Dow Jones-Index in diesen Tagen den bisher höchsten Stand des Jahres 1963 erreicht hat. Seit dem 31. Dezember ist er um etwa 8 % gestiegen, während die deutschen Aktienkurse im 1. Quartal 1963 um weitere 5,5 % gefallen sind. Man hofft, daß Wallstreet endlich auch einmal wieder für die deutschen Aktienkurse als anschiebende Lokomotive wirken wird.

Mit Aufmerksamkeit wurden deshalb die vom Ausland kommenden Meinungskäufe in deutschen Standardaktien verfolgt, die besonders bei den IG-Farben-Nachfolgern zu nicht unerheblichen Kurssteigerungen geführt haben. Dabei muß jedoch offen bleiben, inwieweit es sich hier um „echte“ Auslandskäufe gehandelt hat. Mit Recht wird nämlich vermutet, daß ein großer Teil von ihnen Kaufaufträge deutscher Privatpersonen darstellt, die lediglich aus steuerlichen Gründen über ausländische Banken abgewickelt werden. Auf diese Weise läßt sich nicht nur die sechsmonatige Sperrfrist bei Spekulationsgewinnen umgehen, sondern lassen sich auch noch sonstige steuerliche Vorteile erzielen. Woraus zu ersehen ist, daß im voll-liberalisierten Kapitalverkehr eigentlich nur die „kleinen Fische“, für die es sich nicht lohnt, bei Aktienan- und -verkaufen den Umweg über das Ausland zu wählen, in den Steuernetzen hängen bleiben. Jede steuerliche Verschärfung wird die Abwanderung großer Vermögen beschleunigen.

Die Reinvestition der Dividenden würde sicherlich nicht vor genommen werden, wenn die Anleger der Meinung wären, daß der deutsche Aktienmarkt noch für lange Zeit Stiefkind der internationalen Börsen bleiben würde. Die Abschlüsse der führenden deutschen Unternehmen haben den Konjunkturpessimismus zu einem Teil beseitigt. Denn sie zeigen Anhaltspunkte, daß die Kostenerhöhungen in absehbarer Zeit durch Rationalisierungsgewinne überrundet werden können. Wenn selbst Vorstandsmitglieder der Dresdner Bank davon sprechen, daß die Aktienbestände ihres Instituts am Ende dieses Jahres vermutlich höher sein werden als per Ultimo 1962, so will das schon einiges heißen. Die Vorstände der Deutschen Bank und der Commerzbank haben sich wesentlich vorsichtiger, wenn auch keinesfalls pessimistisch ausgedrückt, als sie nach ihrer Börsenmeinung gefragt wurden.

Auffällig ist, wie wenig die Tarifstreitigkeiten in der Metall- und Chemieindustrie bisher die Aktienkurse der betroffenen Unternehmen beeinflußt haben. Die Börse hält einen vertretbaren Kompromiß für möglich und glaubt nicht an Streiks. So ist es zu erklären, daß die Standardwerte der Großchemie, nämlich BASF, Bayer und Hoechst, zu den unbestrittenen Börsenfavoriten der letzten Tage zählten. Daß nicht alles gut ist, was zur Chemie-Gruppe gehört, erfuhr die Börse, als die Reichhold Chemie AG eine weitere Dividendenkürzung ankündigte. Die Aktien dieser Gesellschaft (mit einem amerikanischen Großaktionär) sind erst nach dem letzten Kriege an den deutschen Aktienmärkten eingeführt und seinerzeit mit ungewöhnlichen Lorbeeren bedacht worden. So etwas sollte die seriösen Anleger immer zur Vorsieht mahnen ...

Von den Käufen der jüngsten Zeit blieben die Montanaktien „verschont“. Kein Wunder, denn bislang war von keiner Verwaltung eines Eisen- oder Stahlkonzerns auch, nur eine halbwegs hoffnungsvolle Zukunftsprognose zu hören. Wenn die Automobilaktien aus dem Kreis der begehrten Papiere ausgeschieden sind, dann liegt es an den Bedenken, die gegen die schnell gewachsenen Produktionskapazitäten dieser Branche geltend gemacht werden. Dennoch hat der VW-Kurs eine beachtliche Stabilität gezeigt. Vielleicht wird er noch einen Sprung nach oben machen, wenn in der ersten Maihälfte die Abschlußzahlen für 1962 bekanntwerden.