Lieber Freund,

natürlich habe ich nicht nur Freunde, die ich zusammensetzen muß, ich habe auch solche – und sogar im kulturellen Leben tätige – die, so wie sie sind, heil sind, und was da an solider Bildung, an fundiertem Wissen, an moralischer Kraft (vor allem aus dem untadeligen Privatleben geschöpft) auf mich einströmt, was da an heiterer Herzlichkeit, an fast olympischer Gelassenheit auf mich zukommt: es droht gar manchmal, mich zu überwältigen, und Du wärest auf einem völlig falschen Wege, wenn Du nun sofort wieder unterstellen würdest, solcherlei wäre doch wohl beim Fernsehen etwa nicht zu finden. Oh, auch da findet mein altes Humanistenherz manche wahre Wonne!

Aber nun zu Deiner Hauptfrage, auf die ich Dir einige Wochen lang die Antwort schuldig bleiben mußte: Natürlich gibt es noch Spuren von Christenheit in den Rheinlanden, wo so viele Dome gewachsen, so viele Wasser den Rhein hinuntergeflossen sind. Immer noch gelten die christlichen Feiertage als eigentliche Orientierung bei der Zeitrechnung, und jedes Kind weiß: in diesem Jahr waren es von Silvester bis Aschermittwoch genau 58 Tage.

So mancher Sektvertreter legt in dieser Jahreszeit sein Dankesscherflein in den Opferstock seiner jeweiligen Konfession. Mag er sich dabei auch nur mühsam von der delikaten Geste des Händereibens zurückhalten können, so spricht doch echter, frommer Dank aus solchem Opfersinn.

Mit dem Aschermittwoch wird ein uraltes Problem wieder akut, das für weite Kreise der Bevölkerung von so hohem Interesse ist wie die Fastenhirtenbriefe, deren Verlesung man mit Spannung entgegensieht: die Frage nämlich, ob Hummer nun Fisch oder Fleisch sei, Fastenspeise also oder nicht. Das lebhafte Interesse für dieses Problem bezeugt doch eindeutig religiösen Sinn.

Ein weiteres Zeichen für die ungebrochene Popularität der christlichen Konfessionen ist die Tatsache, daß die SPD vor Wahlterminen mit erstaunlichem Freimut publik macht, welcher ihrer Kandidaten eine so enge Berührung mit der katholischen Kirche gehabt hat, wie sie das Amt des Ministranten zur Folge hat. Das bringt gar manchen, der nicht Ministrant gewesen ist, in den Gewissenskonflikt, ob er überhaupt würdig sei, SPD zu wählen (einer meiner Freunde, ein gläubiger Mensch, wählte in einem Anfall von Verzweiflung über dieses Problem tatsächlich CDU!).

Du siehst, gar manches hier ist paradox, aber gerade das beweist ja, auf welch subtile Weise sich hier die Probleme stellen.