Köln erregt sich über die Aktion Taubentod

Köln

Jedes Jahr zur Frühlingszeit haben die Männer der Stadtverwaltung die gleiche Idee: Sobald die Sonne warm scheint, die Lüfte lau sind und die Vögel ihre Nester bauen, gehen sie Tauben vergiften – und das nicht nur im Park, sondern vor allem um den Dom herum, auf dem Neumarkt und dem Rudolfplatz. Den Kölnern drang es „bis ins innerste Mark‘, als das Datum der diesjährigen Aktion bekanntgegeben würde: Am 22. April, eine halbe Stunde nach Sonnenaufgang, kommt der Tod mit Blausäure. Er soll 10 000 bis 15 000 Tauben treffen, ungefähr die Hälfte des Kölner Taubengeschwaders. „Das wäre ein notwendiger Erfolg“, meinte Gesundheitsdezernent Dr. Heinz Mothes.

Seit Jahren wirbt die Stadtverwaltung unter den Bürgern, um Verständnis für die „Taubenbestandsregelung“. Denn die verantwortlichen Männer sind davon überzeugt, daß es die Täubchen – entgegen der landläufigen Meinung – an Sanftmut, und Bescheidenheit fehlen lassen: Sie vermehren sich schamlos und knattern in immer größeren Schwärmen um die Domtürme. Sie beschmutzen Häuserwände, Fenstersimse, Denkmäler und Passanten und zerstören durch ihre scharfen Exkremente die ehrwürdigen Gemäuer sakraler und profaner Bauten. Nachdrücklich konstatiert daher die Stadtverwaltung: „Ideelle Gründe sprechen für die Pflicht der Behörden, gegen das Überhandnehmen der Tauben einzuschreiten. Nach dem Kriege haben sich die Tauben in den Städten ungehindert vermehrt. Durch die Gewöhnung der Tiere an den Menschen sind ihnen offenbar ein Teil ihrer Instinkte abhanden gekommen...“

Asyl auf dem Fenstersims

Diese Gewöhnung ist nicht allein Schuld der Tauben. Viele Kölner halten sich auf Balkonen und Fenstersimsen ihre Privat-Haustauben, die sie mit Reis und Vogelfutter domestiziert haben. Liebevoll wird dort auch die Nachkommenschaft gemästet, sobald sie nur flügge ist. Umsonst warnte die Behörde vor Gesundheitsschäden. Ehe man im März 1960 zum ersten Male gegen die Taubenplage ins Feld zog, fingen die Steinmetzen der Dombauhütte fünfzig Tauben, die auf Herz und Nieren untersucht wurden. Die Hälfte von ihnen litt an Ornithose und hatte Milben, die beim Menschen Ekzeme hervorrufen. Auch die Düsseldorfer ließen ihre Tauben im vergangenen Jahr untersuchen und mußten feststellen, daß ihre Tiere noch siecher waren: Von achtzehn verwilderten Haustauben waren sieben von Bandwürmern befallen, neun halten Tierläuse und elf Schleimhautparasiten, die seuchenähnliche Darmerkrankungen verursachen.

Doch die Kölner Taubentöter predigten solche Gefahren tauben Ohren: Im März 1960 mußte die Aktion frühzeitig und relativ ergebnislos abgebrochen werden. Denn noch bevor die vergifteten Brocken im Morgengrauen ausgelegt werden konnten, waren die Kölner Tierfreunde aus den Betten gesprungen und hatten die Tauben von den Plätzen verscheucht. Die Anhänglichkeit der Kölner an das Federvieh erfuhren vor einigen Jahren auch zwei unbescholtene Steinmetzen der Dombauhütte. Sie konnten sich der Domtauben nicht mehr erwehren und griffen zum Schießeisen. Wenig später standen sie vor dem Kadi.

„Wohlverstandener Tierschutz“

In diesem Jahr will die Stadtverwaltung die Empörung der Taubenfreunde durch eine umfassende Aufklärungsaktion zurückhalten. Sie wies darauf hin, daß sich auch auf dem Markusplatz in Venedig die Tauben nicht unziemlich vermehren dürfen. In Paris wurden die Tauben vor einigen Jahren von den Champs-Elysees in die Wälder von Biarritz und Bordeaux deportiert. In Aachen wurden sie mit Äther eingeschläfert, in München mit großen Netzen eingefangen und geschlachtet. Die Kölner haben sich nun – wie schon in Wiesbaden, Karlsruhe, Wien und Belgien – zur Blausäuremethode durchgerungen. Die Taube soll einen mit Blausäure getränkten Brotkrumen verschlucken, danach atmen und Sekunden später umfallen. Schon triumphierten die Männer der Kölner Stadtverwaltung, als sich Professor Spitaler, Präsident des Bundes gegen Mißbrauch der Tiere, mit der Aktion einverstanden erklärte, wenn auch schweren Herzens. „Wohlverstandener Tierschutz bedeutet, daß in den Taubenbestand regulierend eingegriffen wird“, meinte er. „Die Blausäuremethode ist noch das geringste Übel“

Doch schon einen Tag später drohte sein Kollege vom Vorstand des Bundes, Josef Graf, mit einer Strafanzeige wegen Tierquälerei. Graff klagte: „Die Tauben denken nicht daran, die vergifteten Brocken vorschriftsmäßig hinunterzuschlucken, um dann tief durchatmend zu sterben. Sie werden in bekannter Weise scheu die Happen aufnehmen, wegfliegen und einen hohen Punkt in der Nähe aufsuchen. Dadurch geht die tödliche Wirkung des Futters verloren. Es wirkt nur noch berauschend. Das Tier erschlafft und stürzt ab, wobei Knochenbrüche unvermeidlich sind.“

Sowohl der Vorstand als auch die Mitglieder des Tierschutzbundes distanzierten sich von der Haltung Professor Spitalers, der erklärt hatte: „Der Tierschutz sollte von Sentimentalitäten befreit werden.“ Schließlich sind auch sie mit einer Reduzierung der Wildtauben einverstanden. Aber sie empfehlen eine andere Methode: Die Tauben sollen durch Hormone unfruchtbar gemacht werden. Die Geburtenregelung unter den Tauben soll durch Nistkästen erreicht werden, in denen das Hormonfutter ausgestreut wird. Die Taubensachverständigen bei der Stadtverwaltung winkten indessen ab: ‚Offiziell liegen noch keine Erfahrungen über diese Methode vor...“ Nina Grunenberg