H. F. Manila, im April

Der Gemeinsame Markt der sechs europäischen Länder war der Prügelknabe auf der diesjährigen ECAFE-Kortferenz (Economic Commission for Asia and the Far East) in Manila. Aus 43 Ländern hatten sich 300 Delegierte eingefunden – darunter eine durch Damen aufgelockerte zwanzigköpfige sowjetrussische Mission –, um ein Kolloquium über die wirtschaftliche Lage der ECAFE-Länder zu halten und Lösungen für die sich türmenden Probleme aufzuspüren.

Pläne wurden diskutiert, Programme aufgestellt, Entschließungen gefaßt und nicht zuletzt die iranische Hauptstadt Teheran zum Tagungsort der nächsten ECAFE-Versammlung erkoren. Während man sich auf der einen Seite ehrlich und mit Erfolg bemühte, die tieferen Wurzeln der wirtschaftlichen Misere in den meisten ECAFE-Ländern nicht anzurühren, wurden andererseits ebenso ernsthafte und erfolgreiche Anstrengungen unternommen, einen Südenbock für die unzulänglichen ökonomischen Fortschritte im ECAFE-Raum zu finden.

Kurznach dem Beginn der Sitzungen verkündeten die, Sprecher fast aller asiatischen und einiger anderer Länder der Weltöffentlichkeit: Die EWG ist mitschuldig an der wirtschaftlichen Rückständigkeit Asiens! Eine der Ursachen für den niedrigen Lebensstandard der ECAFE-Länder ist die „introvertierte wirtschaftliche Orientierung“ des Gemeinsamen Marktes!

Niemand kann guten Gewissens dem philippinischen Staatspräsidenten Macapagal widersprechen, der in seiner Eröffnungsrede erklärte: „Wir müssen uns von der schwärmerischen Vorstellung freimachen, daß der uns von Gott gegebene Vorzug in der Erzeugung von Reis, Zucker, Kopra, Holz, Kautschuk, Kaffee und Tee liegt, während Industrie, Handel und Verkehr eine Angelegenheit wirtschaftlich entwickelter Länder ist.“ Und weiter: „Die Produktivität muß schneller steigen als die Bevölkerung zunimmt, denn wenn das nicht der Fall ist, dann sind unsere Völker zu ewiger Armut verdammt.

Damit stieß Macapagal zwei Themen in die Diskussionsebene, deren leidenschaftslose und sinnvolle Behandlung gleichermaßen im Selbstinteresse der – nennen wir sie ruhig einmal so – von ihren ehemaligen Kolonialmüttern ausgesetzten Entwicklungskinder wie auch im Sinne der Industrieländer liegt. Denn Produktivitätssteigerung plus Industrialisierung sind die einzigen Mittel, die Länder Asiens von ihrer Armut zu befreien.

Die ECAFE-Länder müssen aber einsehen, daß die Industrialisierung nicht von heute auf morgen durch einen Kraftakt vollzogen werden kann – Europas Umwandlung von einem Agrargebiet in ein Industriezentrum hat immerhin 100 Jahre gedauert – und daß selbst beim Erreichen eines gewissen Industrialisierungsgrades die Produktivität der „gottgegebenen“ Erzeugungszweige nicht vernachlässigt werden darf, sondern eher noch gesteigert werden muß. Andernfalls setzt mit unausweichlicher Zwangsläufigkeit der „circulus vitiosus oeconomicus“ ein und degradiert die Entwicklungsländer zu Almosen-Empfängern.