P. O. D., Canterbury, im April

Es war eine gewöhnliche Predigt, beim Vespergottesdienst in einer großen englischen Kathedrale. Der Tag: Palmsonntag. Der Bibeltext: die Stelle aus den Offenbarungen des Johannes, die vom Blut des Lammes spricht und von der Macht der Liebe über die Kräfte des Bösen. Die Predigt klang, wie die meisten Predigten der Anglikanischen Hochkirche, sanft, kultiviert, ein wenig professoral. Und dennoch war es keine gewöhnliche Predigt. Es war die letzte, die der Very Reverend Hewlett Johnson als Dekan von Canterbury hielt. Seit Jahren ist er der umstrittenste Kirchenmann Englands, am besten bekannt als der „Rote Dekan“.

Der Dekan ist ganz einfach des Glaubens, der Herrgott habe ihn zur Kanzel berufen, um über die Güte und Schönheit des Kommunismus zu predigen. Sogar Stalin hielt er für einen großen und gütigen Menschen. Wieder und wieder hat er gesagt, unter dem Kommunismus hätten die Menschen bessere Aussichten auf ein gutes Leben als im Westen; die Sowjetunion stellte er als Vorbild eines „christlichen Staates“ hin. Er war stolz auf die Errungenschaften des Kommunismus und sicher, daß seine Kritiker ihm nur deswegen widersprachen, weil sie nicht, wie er, Gelegenheit gehabt hatten, sich mit eigenen Augen von diesen Errungenschaften zu überzeugen; sie konnten daher nicht wissen, was er wußte.

Hochwürden Johnson begrüßte die chinesische Revolution mit Freuden. Er war überzeugt, daß die Amerikaner in Korea bakteriologische Waffen eingesetzt hätten. Zur ungarischen Erhebung schwieg er. In den kommunistischen Hauptstädten, wo er häufig zu Besuch weilte, war er eine vertraute Figur. Privatim hielten die roten Gastgeber den „Roten Dekan“ mit seinen altväterlichen Beinkleidern, dem Gehrock und dem Kreuz auf der Brust für ein wenig verrückt, doch sie betrachteten ihn als einen christlichen Gentleman. In der Sowjet-Enzyklopädie bekam Hewlett Johnson 75 Zeilen, Jesus Christus 9.

Der Rote Dekan war als Sohn eines reichen Industriellen auf. die Welt gekommen, später hatte er in den Elendsvierteln gearbeitet und war Sozialist geworden. Das Dekanat, dessen Inhaber von der Krone ernannt, aber vom Ministerpräsidenten vorgeschlagen wird, verdankt er seiner intimen Bekanntschaft mit führenden Labour-Leuten. Ramsay Macdonald, Englands erster sozialistischer Premier, holte Johnson von einer bescheidenen Landpfarre erst ins Dekanat von Manchester, einer Industrie-Diözese, deren Kathedrale so rußig ist wie eine Fabrik; und Ramsay Macdonald versetzte ihn dann auch nach Canterbury.

Der Dekan von Canterbury hat eines der höchsten Kirchenämter inne; er wird gut bezahlt und in einem ehrwürdigen Amtssitz nobel untergebracht. Die Kathedrale ist die Mutterkirche der anglikanischen Konfession, und ihr Dekan spielt bei der Krönung des Souveräns wie bei der Inthronisierung des „Primas von All-England“ von alters her eine prominente Rolle. Er ist Herr über die Kathedrale und ihre Gottesdienste; der Erzbischof – dessen Amtssitz in London ist – kann ihm nicht dazwischenreden.

Für den Dekan von Canterbury ist kein Pensionsalter festgesetzt; er kann im Amt bleiben, solange er will. Gewiß, es gibt die theoretische Möglichkeit, ihn wegen Unfähigkeit oder anstößigen Benehmens abzusetzen, aber praktisch ist dafür ein vom Parlament verabschiedetes Gesetz oder ein peinlicher Prozeß der kirchlichen Gerichtsbarkeit vonnöten. Es ist nie versucht worden, Johnson auf diese Weise loszuwerden, obwohl einmal eine Unterschriftenliste mit einer Petition zirkulierte, den Roten Dekan aus dem Amt zu entfernen.