Von Dietrich Strothmann

Eigentlich hätten die jungen Cineasten Münchner und Oberhausener Provenienz allen Grund gehabt, in ein Jubelgeschrei auszubrechen – wo ihnen doch sonst so oft nachgesagt wird, sie gebärdeten sich allzu hoffärtig als "ewige Meckerer" wider "Papas Kino". Streng genommen hätten sich auch die grauhaarigen Manager der deutschen Filmindustrie freuen müssen – die doch meist so selbstgefällig die Hauptschuld an der Malaise des westdeutschen Nachkriegsfilms jenen in die Schuhe schieben, die sich der Kinematographie als Kunst zu wenig hilfreich annähmen. Der 1. Februar 1963 also hätte für sie beide, für die jugendlichen Stürmer wie für die alternden Konkursverwalter, eigentlich ein Freudentag sein müssen: jener Tag, an dem in der Akademie der Künste zu Berlin nach achtzehn Jahren endlich die Gründung einer "Deutschen Kinemathek" feierlich bekanntgegeben wurde.

Doch weit gefehlt: Die "Neuerer" bemängelten sogleich, wie arg doch alles in den Anfängen stecke und daß noch Jahre dahingehen würden, bis jene Filmothek auch über die, sagen wir, modernen japanischen, französischen, italienischen, spanischen, polnischen, sowjetrussischen, skandinavischen Leinwandwerke verfügte. Die "Alten" wiederum nahmen von jenem Ereignis so gut wie gar nicht Notiz und bestärkten damit den seit langem gehegten Verdacht der Eingeweihten, ihre Gunst hätte eher dem Wiesbadener "Institut für Filmkunde" gegolten.

Abgesehen einmal von solchen unerquicklichen Perspektiven heimlicher Kompetenzpodiereien und eilfertiger Quertreibereien – daß es in der Bundesrepublik endlich ein Filmmuseum gibt, daß in Berlin die Startbahn für die bei uns so arg daniederliegende Filmologie angelegt wurde, sollte jedem willkommen sein, der es ernst mit der Kinematographie, ihrer Geschichte und Erforschung, meint.

Leicht ist es den Fürsprechern dieses auf den ersten Blick so nebensächlich, so unwirtschaftlich, so esoterisch anmutenden Unternehmens wirklich nicht gemacht worden. Die Vorgeschichte der "Deutschen Kinomathek" ist schon ein derbes Stück aus dem Tollhaus unserer Kulturpolitik, wo föderalistischer Eigensinn, partikularistische Eigenbrötelei und Beckmesserei arg über die Stränge schlugen.

Da wurde bereits seit dem Oktober 1958 über das Projekt verhandelt, über den Ankauf des einzigartigen Archivs des Berliner Sammlers und Regisseurs Gerhard Lamprecht.

Da wurden Kommissionen gebildet, die Gutachten und Gegengutachten lieferten, "Beauftragte" der Kultusminister, des Koblenzer Bundesarchivs und des Berliner Kultursenats vorgeschickt, den Kurswert der Lamprechtschen Sammlung zu taxieren. Da meldeten sich München, Wiesbaden und Ulm eifersüchtig zu Wort, um das geplante Filmmuseum für sich in Beschlag zu nehmen. Da bot der Generalsekretär der "Cinémathèque Frcnçaise", Monsieur Langlois, seinem Freund Lamprecht an, das Archiv für 400 00) Mark zu kaufen. Da verfielen inzwischen die 250 000 Mark, die der Bund zum Ankauf der Sammlung beisteuern wollte, weil sie nicht rechtzeitig angefordert worden waren.