Der Abschluß der Dresdner Bank für 1962 ist in diesem Jahr mit besonderer Spannung erwartet worden. Das Institut stand in den zurückliegenden Monaten mehrere Male im Schweinwerferlicht einer ihr keineswegs immer wohlwollenden Öffentlichkeit. Bis in die letzten Tage hinein wurde beispielsweise an den „Randerscheinungen“ der sogenannten „Krages-Affäre“ offene oder versteckte Kritik geübt. Des weiteren wird der Dresdner Bank vorgeworfen, durch umfangreiche Aktienverkäufe aus eigenen Beständen die Baisse an den deutschen Wertpapierbörsen wenn nicht gerade verursacht, doch sicherlich verstärkt, auf keinen Fall gemildert zu haben. Auf einer Pressekonferenz in Hamburg waren Vorstandsmitglieder der Dresdner Bank mit allem Nachdruck bemüht, diesem unangenehmen Eindruck entgegenzuwirken und sich notfalls zu rechtfertigen.

Die Dresdner Bank ist von jeher ein sehr stark börseninteressiertes Institut. Ein nicht unwesentlicher Teil der in den vergangenen Jahren angefallenen Gewinne entstammt dem Wertpapiergeschäft. Wenngleich auf der Pressekonferenz in Hamburg erklärt wurde, die Hauptstärke der Dresdner Bank läge im Rentenhandel, während der Handel in Aktien lediglich als eine Art „Saisongeschäft“ anzusehen sei, so wird man davon ausgehen können, daß die Aktivität des Instituts auf dem Aktienmarkt zumindest in den Jahren 1960 und 1961 sehr lukrativ gewesen sein muß. Vorstandsmitglied Hans Rinn räumte ein, daß in der Zeit vom Juni 1960 bis Dezember 1961 für 173 Mill. DM Aktien (Buchwert) unter Zerschlagung von Schachtelbeteiligungen über die Börse verkauft worden sind. Etwa zur gleichen Zeit (nämlich Mitte 1960) setzte die Baisse-Bewegung auf den deutschen Aktienmärkten ein. Wenn die Dresdner Bank angibt, sie hätte mit ihren Aktienverkäufen die seinerzeit herrschende Marktenge an den Börsen beseitigen wollen, so kann man es nur bedauern, daß sie mit ihren massiven Verkäufen nicht schon im I. Halbjahr 1960 begann, als die Kurse mit Raketenschnelligkeit stiegen.

Es ist allerdings der Dresdner Bank zu bescheinigen, daß sie ihre Kundschaft nicht lange im unklaren über ihre eigene Börsenmeinung ließ. Denn schon im Herbst 1960 empfahl sie in ihren Börsenberichten, Aktien zu verkaufen und in Renten „umzusteigen“.

Harte Vorwürfe

Dieser mehr oder weniger öffentlich erteilte Rat ist der Dresdner Bank so ausgelegt worden, daß sie mit allen Mitteln an den Aktienmärkten eine Baisse herbeiführen wolle. Die Anwürfe steigerten sich, als sich im Laufe der Zeit (zum Pech für die Kritiker) herausstellte, wie richtig die Empfehlung der Dresdner Bank letzten Endes gewesen war. Eine sehr menschliche Reaktion.

Eines sollte aber in diesem Zusammenhang festgestellt werden: Keine Bank, auch nicht die Dresdner Bank, ist in der Lage, die Börsentendenz langfristig zu beeinflussen. Wann Hausse ist und wann Baisse ist, bestimmt keine einzelne Bank und auch nicht der Bankenapparat insgesamt. Hierfür sind in erster Linie konjunkturelle Überlegungen maßgebend, außerdem spielen vielfach massenpsychologische Gründe mit. Andererseits ist doch wohl nicht zu bestreiten, daß ein Verkauf von Aktien in einer Größenordnung von 172 Mill. während einer Periode abfallender Kurse und angesichts der in der Bundesrepublik immer noch recht engen Märkte zu einer Verschärfung der Abwärtsbewegung beigetragen haben muß, auch wenn im einzelnen zum Verkauf kurze Erholungsperioden benutzt worden sind.

Wie sich nun die Dresdner Bank auf dem Wertpapiersektor im Geschäftsjahr 1962 verhalten hat, zeigt unsere graphische Darstellung. Man tut gut daran, die Posten Beteiligungen, Konsortialbeteiligungen und Dividendenwerte zusammen zur Beurteilung heranzuziehen, weil tatsächlich keine echte Abgrenzung möglich und es mehr oder weniger Geschmacksache, ist, ob eine Beteiligung als solche verbucht werden. soll oder ob sie anonym unter Dividendenwerten bleibt. Die an Hand der Zweimonatsbilanzen ermittelten Werte zeigen, daß es im Laufe des Jahres einige interessante Schwankungen gegeben hat. Grundsätzlich ist festzustellen, daß die gesamten Aktienbestände keine nennenswerte Veränderung erfahren haben. Die Dresdner Bank hat – im Gegensatz zur Deutschen Bank – dem Aktienmarkt keine neuen Mittel zur Verfügung gestellt, aber ihm auch keine Mittel mehr entzogen. Wenn man berücksichtigt, daß auch die Dresdner Bank Abschreibungen auf ihre Effektenbestände vornehmen mußte, so mag sie am 31.12.1962 eine Kleinigkeit mehr in Aktien angelegt haben als im Jahr zuvor. Der Zuwachs auf dem Wertpapierkonto per 31. 12. 1962 von etwa 130 Mill. DM betrifft allein die festverzinslichen Papiere.