Sein oder Nichtsein war für den Hamburger Hamlet Maximilian Schells in der Tat die Frage

Von Johannes Jacobi

Shakespeares Hamlet ist Theaterdichtung. Was die Literaturgeschichte an Textkritik und philosophischem Gedankengut zutage gefördert hat, wird von der Bühne gewiß zur Kenntnis genommen; die Darstellung des Dramas und der Hamlet-Rolle bedient sich der Wissenschaft jedoch nur, soweit Kunstgeschmack oder Lebensgefühl der jeweiligen Gegenwart nach Argumenten für ein Hamletbild suchen, das von Schauspielern geprägt wird.

Über den berühmtesten Hamlet-Darsteller des 18. Jahrhunderts, den Engländer David Garrick, sind wir unterrichtet durch die Londoner Briefe Georg Christoph Lichtenbergs. Garrick selber hat später die willkürliche Art, wie er mit Shakespeares Text umgegangen ist, als das größte Verbrechen seines Lebens bezeichnet. Dennoch hatte eine ganze Generation in Garricks Spiel Shakespeares Hamlet – und sich selber erlebt.

An der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert wurde ein überragendes deutsches Hamletbild von Josef Kainz aufgerichtet. Von frühen Schallplatten dringt seine Stimme irreführend an unser Ohr. Schauspielschülern von heute kann man solche Schalldokumente „tönender Theatergeschichte“ nur zu dem einen Zweck vorlegen: zu zeigen, wie man es nicht mehr machen darf. „Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze“ – auch nicht im Zeitalter der technischen Aufzeichnung. Schauspielkunst bleibt an den Tag gebunden.

Wie anders ist der persönliche Eindruck gewesen, den ein zur historischen Einordnung fähiger, noch unter uns lebender Kritiker, Herbert Ihering, in seiner Jugend von dem Kainzschen Hamlet empfing: „Kainzens Rede wurde vom Nihilismus des Zerstörers und der Begeisterung des Weltgläubigen getragen. Aus beidem war der Hamlet zusammengesetzt. Kein Träumer und kein zögernder Schwächling. Ein Aktivist des Geistes. Ein Held des Wissens. Ein Kämpfer der Erkenntnis. Warum findet dieser Hamlet nicht zur Tat? Nur deshalb, weil er kein Politiker ist. Kainz trug den Hamlet auf eine andere Ebene. Sein Kampf war nicht der Kampf zwischen Handeln und Überlegung, sondern zwischen Erkenntnis und Politik ... Er wußte, daß er, um seinen Oheim zu stürzen, ein politischer Stratege sein müßte. Und das eben war er nicht. Kainz spielte mit einer berauschenden und erschütternden Leidenschaft die Tragödie des deutschen Geistes im 19. Jahrhundert: eines Geistes, der die Höhen und Tiefen des Lebens abgeschritten, der die Kraft und Tradition der Jahrhunderte in sich aufgenommen, der das Bewußtsein des Notwendigen und den Willen zum Handeln hat, aber nicht die Fähigkeit, diesen politischen Willen umzusetzen,“

Nach Josef Kainz war Gustaf Gründgens der große deutsche Hamlet-Darsteller. Seitdem er am 21. Januar 1936 am Preußischen Staatstheater erstmals in Berlin den Hamlet verkörpert hatte, wurde dieser „aktive Hamlet“ zum Maß aller anderen Schauspielerleistungen. Was ihn über den leidenschaftlichen Erkenntniswillen Kainzens hinaus als „Gefühl und Geist der Gegenwart“ von 1936 erscheinen ließ, das fixierte Richard Biedrzynski in seinem Buche „Schauspieler, Regisseure, Intendanten“ (1944): „Das Bewußtsein verstellt dem Handelnden nicht den Weg, sondern dient nur der taktischen Vorbereitung der Tat... ‚So macht Gewissen Feige aus uns allen‘ – Gründgens stößt es hervor mit einer verächtlichen Heftigkeit und setzt es dadurch für seinen Hamlet außer Kurs.“