Durch die Pastorengasse in die Herrlichkeit – Von Georg Zivier

Ist man übers Wochenende in einen der gepflegten Hamburger Vororte eingeladen, so wird man den Duft von Blumengärten, Wald und Geld angenehm in der Nase verspüren. Sehr gesittete Menschen und freundliche Kinder werden einen umplaudern, und nur die gewollte Verdrehung der Sprechlogik wird man als leicht verfremdenden Zug registrieren: „Für meinen Hund ist’s gut, daß ich keinen habe, weil ich nämlich Katzen netter finde ...“ Thomas Mann nennt diese Sprechart „kaudern“, und dieses „Kaudern“ ist mehr als Stil. Der Hanseat von Tradition will „partout nicht“ durch exakte Sprechweise mit seiner guten Schulbildung glänzen. Er will überhaupt nicht glänzen, das ist sein Glanz. Der Hamburger Erster Klasse ist so erstklassig, daß er eine gewisse dialektische Saloppheit nötig zu haben glaubt, um die andere Menschheit nicht allzu sehr zu entmutigen.

Wer nun aber auf der Woge des Touristenverkehrs nach Hamburg geschwemmt wird, sieht nichts von dieser mild-herablassenden Welt. Hingegen hat er auf der Reeperbahn Erlebnisse, mit denen er noch lange renommiert wie einst der ostelbische „Stoppelhopser“ über „Pfui Spinne: Berlin!“ Was für Berlin der ostelbische Agrarier war, ist für St. Pauli der Skandinavier. Bei ihrem sommerlichen Drang nach dem Süden lassen Norweger und Schweden einen beträchtlichen Teil ihres für Florenz, Rom und Neapel disponierten Geldes in Hamburg. Später erfährt man an nordischen Dampfheizungen Fabelhaftes und Schauriges von Cafés, wo jedes Mädchen eine preisenswerte und preiswerte Schönheit ist, vom Hippodrom, wo Reiterinnen einen Striptease im Sattel vorführen, von ostasiatischen Spelunken und echt Altonaer Seemanns-Saloons, und von jener Gasse, in der lockende Frauen hinter Schaufenstern sitzen, gleich Warenauslagen im Detailbetrieb der sogenannten Liebe.

Die aus Skandinavien, aus England, aus Amerika und aus dem deutschen Binnenland anschwärmenden Fremden ahnen kaum, daß sie es sind, die den ganzen Rummel anheizen, daß sie heute einen Lustbetrieb aktivieren, der früher im Zeichen des Seemannes stand und entsprechend robuster und schlichter war. Heute ziehen sich die mehr oder weniger blauen Jungs in die halbschattigen Gassen zurück, die zwischen der Reeperbahn und den Landungsbrücken liegen oder noch weiter weg vom talmimondän aufgemachten Freudenbetrieb. Der eigentliche Hamburger ist aber weder da noch dort, es sei denn in geldeinnehmenden Funktionen.

Er betreibt seine Geschäfte im Freihafen, in den mächtigen Industrien am Rande Hamburgs, in den lebensprallen Straßen zwischen Rathaus und Alsterbecken oder in den Außenbezirken, und er wohnt, wo nicht in der Stadt, deren baulicher Kern glückhaft über den Krieg gekommen ist, in den zum großen Teil wieder aufgebauten Vororten: Fuhlsbüttel, Eimsbüttel, Uhlenhorst und so weiter, die nach alter Tradition immer noch rangverschieden sind. Anders als etwa die Berliner, legt der Hamburger immer noch Wert auf eine „gute Adresse“. Dazu gehören auch die baumbestandenen Alleen an der Außenalster – ganz zu schweigen von der Elbchaussee in Altona mit ihren alten Privatparks und den alten Villen, in deren einer Jean Paul Sartre seine „Eingeschlossenen“ eingeschlossen hat.

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Viele Gesichter hat mir die Hansestadt Hamburg im Laufe der Jahrzehnte gezeigt, und immer wieder wechselt das Panorama. Als ich zum ersten Male in dieser Meerstadt am Fluß eintraf, tobte gerade der Weltkrieg Nr. 1. Ich war nach einer Verwundung, die mich fürs nächste vom Erschossenwerden an der Front disqualifizierte, auf der Durchreise ans Meer. Mein Bettnachbar im belgischen Feldlazarett war ein blutjunger Hamburger gewesen (nicht älter als ich selbst), ein feines Jungchen mit exquisiten Manieren, „Milch und Blut“ möchte man sprechen, und er hatte mir ein Briefchen wie auch einen sehr bizarren Granatsplitter, den man ihm aus der Brust gezogen hatte, für seine Eltern mitgegeben. Unwirsches Wetter am Hamburger Hauptbahnhof verstörte mir den Blick. Die schrägen Regenschauer waren wie die heftige Geste einer abweisenden Hand.