Am Gründonnerstag ist auf den algerischen Außenminister Khemisti ein Attentat verübt worden. Seitdem liegt er im Mustapha-Krankenhaus zu Algier unter einem Sauerstoffzelt. Eine Konferenz der nordafrikanischen Außenminister, die am Mittwoch in Tunis hatte beginnen sollen, mußte deswegen verschoben werden. Khemisti ist mit 33 Jahren der jüngste Außenminister der Welt; seine Untergebenen sind meist noch jünger. Ihre Schule war keine Diplomaten-Akademie; ihre Schule war die Revolution. Wie bewältigen sie ihre Probleme?

Algier, im April

Bis vor kurzem war das Auswärtige Amt der algerischen Republik in einem Seitenflügel des ehemaligen Generalgouvernements untergebracht. Nur ein getipptes Schild an der Eingangstür zur ersten Etage im rechten Flügel wies darauf hin, daß dort das Außenministerium seinen Sitz hatte. Ohne dieses Schild wäre ich leicht auf den Gedanken gekommen, ich hätte mich in die Oberprima eines Gymnasiums verirrt.

Der Klassenälteste, Außenminister Mohamed Khemisti, ist ganze 33 Jahre alt. Seine Mitarbeiter sahen so aus, als stünden sie gerade in der letzten Abiturprüfung. Ihre Gesichter waren bleich und abgespannt; in ihren schwarzen Anzügen und den frischen weißen Hemden wirkten sie feierlich. Durch halboffene Türen sah ich sie dicht gedrängt an engen Metalltischen sitzen. Die Klasse war überfüllt. Ein Professor war weit und breit nicht zu erblicken.

Keiner nahm von meiner Anwesenheit Notiz. An einer Tür klebte ein handgeschriebener Zettel „Protokoll“. Ich klopfte an. Keine Antwort. Ich öffnete. Der Raum war leer. Auf der anderen Seite erging es mir in der Ostabteilung und der Westabteilung nicht anders. Schließlich fand ich im Referat „Arabische Länder“ einen, der sich um mich kümmerte: „Exzellenz, was darf ich für Sie tun?“

Die algerische Außenpolitik ist eine Domäne der Jugend. Diese Jugend hat in den Revolutionsjahren die ganze Welt durchstreift. Sie war bei den Chinesen zu Gast, hat in Frankreich studiert, in Schweden und Südamerika die Diplomatie der algerischen Revolution vertreten. Dabei haben die Studentendiplomaten die Weltanschauungen der Hindus und der Kommunisten, der Katholiken und der Existentialisten kennengelernt. Alles nahmen sie begierig in sich auf. Aus den verschiedenen Elementen zimmerten sie sich ihre eigene politische Philosophie. Es ist eine Philosophie, die kein „Ismus“ treffend zu kennzeichnen vermag.

Ihre Außenpolitik ist gut und schlecht. Schlecht, wenn man so will, weil die algerischen Diplomaten zuviel persönliche Erfahrung und zuwenig angelerntes Wissen haben. Erschwerend kommt hinzu, daß sie nur in einigen Bereichen die neue Staatspolitik bestimmen. Die Sympathie für Kuba beispielsweise ist von der algerischen Befreiungsarmee verordnet. Daneben haben die Gewerkschaften, die Kaufleute, die Künstler, die Partei, die Sportler und die islamischen Religionslehrer ihre eigenen Verbindungen ins Ausland.