Von Helmut Thielicke

„Honest to God“, das Buch des Bischofs von Woolwich, ist zur Zeit Englands prominentester Gesprächsstoff. In der letzten Ausgabe der ZEIT nahm der Dominikaner-Pater Rochus Spiecker zu den Thesen des anglikanischen Bischofs Stellung, heute folgt ein Diskussionsbeitrag des Professors für protestantische Theologie, Helmut Thielicke.

Meine Stellungnahme hat einen Haken: Ich konnte das so wild diskutierte Buch noch nicht in die Hand bekommen und muß mich mit den Referaten begnügen. Das wäre unter normalen Umständen für einen Wissenschaftler unseriös. In diesem Falle ist es wohl etwas anders: Der Fachtheologe merkt nämlich schon dem kürzesten Referat an, daß hier überhaupt keine Neuigkeit zu vermerken ist, sondern eine Stimme erklingt, die sich einem schon längst bekannten Chore einfügt. Ich verzichte deshalb darauf, Einzelheiten jenes bei uns noch unbekannten Buches zu besprechen, sondern möchte nur ein wenig Verständnis für die Partitur erwecken, nach der jener Autor zusammen mit vielen andern sein Liedlein anstimmt.

Die Sensation kommt sicher vor allem daher, daß es ein ausgewachsener Bischof war, der sich jene etwas gewagten Thesen von der weltlichen, „religionslosen“ Form christlicher Verkündigung zu eigen machte. Hier hat die Verbindung von Sache und Amt zu jener kritischen Ladung geführt, die den großen Knall auslöste. Bruce Marshall sagt einmal von einem Bischof: Er „verfügte über die Klerikerbegabung, alltägliche Weisheiten mit solcher Inbrunst vorzutragen, daß sie sonntäglich klangen So möchte das Volk seine episkopalen Helden offenbar haben! Wie aber, wenn der Mann mit der violetten Weste es nun umgekehrt macht: Daß er das Sonntägliche in die Begriffe des Alltags übersetzt, daß er diese Ewigkeit in die Zeit ruft und im Namen eines säkularisierten Säkulums das Heilige in profanen Begriffen ausspricht? Wenn er sogar den schockierenden Vorschlag macht, das so viel malträtierte Wort „Gott“ lieber eine Zeitlang überhaupt nicht zu gebrauchen?

Nun muß man ja einen Bischof, der etwas aus dem Rahmen fällt und ohne Rücksicht auf Verluste eine gewagte Meinung äußert, schon deshalb gern haben. Ich möchte ihn daher meiner Sympathie versichern, auch wenn sein Charisma offenbar – wenn die Referate den richtigen Eindruck vermitteln – mehr auf dem Gebiet des energischen Gasgebens und weniger auf dem einer spurgenauen Steuerung liegt.

Wie sieht nun die Partitur aus, die schon lange vor dem Robinsonschen Buche geschrieben wurde und an der, neben andern, ein so respektabler Theologe wie Dietrich Bonhoeffer mitgearbeitet hat?

Es geht ganz einfach um die Aufgabe, die christliche Botschaft in eine veränderte Welt hinein zu sagen (und auch zu singen). Nicht als ob sie selbst in ihrer Substanz angetastet werden und aufs Moderne hin manipuliert werden sollte, im Gegenteil: Sie soll in ihrer alten Frische an den Mann, aber eben an den heutigen Mann gebracht werden.