Von Rainer Berndt

Mancher westdeutsche Journalist, der mit verleumderischer Bösroilligkeit von der Uniformierung unserer Kunst in seinen Artikeln sprach, sollte einmal in diesen Tagen durch die Säle des Albertinums gehen, und er wäre angesichts dieser Fülle persönlicher Künstlerhandschriften und des weiten Rahmens der Ausdrucksvarianten zum Schweigen verurteilt.

Thüringische Landeszeitung

Vor der dunklen Ruine steht ein weißes Holzgestell mit dem Ausstellungsplakat der V. Deutschen Kunstausstellungin Dresden. „Junge Menschen“ heißt das auf dem Plakat reproduzierte Gemälde von Rudolf Bergander. Mir begegnen Gesichter, ältere Gesichter, in die noch immer das Grauen jener Bombennacht gezeichnet ist – als sei es erst gestern gewesen. Über den hohen, bizarren Mauerresten der Lutherkirche kreisen Dohlen. Kein Wirtschaftswunder hat hier die Spuren des Krieges verwischen können.

Das renovierte Albertinum macht einen freundlichen Eindruck. An der Kasse wird mir außer der Eintrittskarte das geistige Rüstzeug für den Ausstellungsbesuch in die Hand gedrückt. Damit der Kollege von der Drehbank auch weiß, daß er hier nicht fehl am Platz ist, steht in großen Buchstaben an der Wand: „Die sozialistische deutsche Kultur ist dem ganzen Volk zugänglich. Sie lebt in dem Volk und durch das Volk.“

Das Volk quillt meist in lautstarken Reisegesellschaften durch das Eingangsportal. Dann verstummt das Lachen der Werktätigen, und ihr lautes Sächsisch. wird zu Gemurmel. Kaum haben sie die Kasse passiert, sieht man in ihren Mienen eine wilde Entschlossenheit, die Kunst, die ja nun die ihre sein soll, auch zu verstehen, Manchmal schlendern auch ein paar grinsende Studenten durch die Säle oder ein Händchen haltendes junges Pärchen, das glücklich scheint, dem täglichen Einerlei einer Kleinstadt entronnen zu sein. Auch ab und zu ein Einzelgänger wie jener eigenartige Mann, der in einem enggegürteten Mantel wie ein Faun lachend von Bild zu Bild hüpft und in mir einen Gleichgesinnten zu sehen scheint. Denn wo er mich trifft, zieht er mich am Ärmel in irgendeinen Winkel und sagt: „Das müssen Sie unbedingt sehen, da lachen Sie sich kaputt.“

Eine Busgesellschaft hat ein etwa dreißigjähriges Mädchen mit Parteiabzeichen und kulturpolitisch bewegtem Blick für eine Führung angeheuert. Ich schließe mich als Schwarzhörer an.