Von Walter Boehlich

Die Vorgeschichte des Buches, von dem in den folgenden Zeilen die Rede sein soll, ist mehr oder minder bekannt, wenn auch kaum je kritisch genug betrachtet worden. Im Jahre 1911 erschien in A. Voigtländers Verlag in Leipzig das Werk eines etwa dreißigjährigen Liebhabers der damaligen Moderne unter dem Titel „Dichtung und Dichter der Zeit – Eine Schilderung der deutschen Literatur der letzten Jahrzehnte“. Der zufällige Zeitpunkt kam dem Verfasser, Albert Soergel, entgegen. Spätestens 1910 scheint eine neue Epoche der deutschen Literatur anzubrechen, die sich scharf gegen das vorher Gewesene abgrenzen läßt und bis heute fortwirkt. So blieb der relativ geschlossene Eindruck dieser Schilderung für lange Zeit erhalten, obgleich sie durch viele Auflagen nicht verändert wurde und obgleich die Entwicklung ihr davonzulaufen drohte.

Soergel hat, gemeinsam mit seinem Verlage, etwas ebenso Eigenes wie Eigentümliches geschaffen, aber er ist keineswegs ohne Vorgänger gewesen. Ihm vorausgegangen war mindestens Adb. von Hanstein („Das jüngste Deutschland“, 1900; 3. Auflage 1905), dessen Werk ebenfalls reich illustriert war und der, im Gegensatz zu Soergel, als Augenzeuge gelten darf. Der Soergel, wie er bald hieß, hat einen Buchtyp vorweggenommen, der seine große Zeit erst wesentlich später haben sollte: den dokumentarischen. Und das erklärt seinen erstaunlichen und beunruhigenden Erfolg vermutlich. Er beschränkte sich nicht auf historische Gliederung und kritische Analyse, sondern enthielt eine Unzahl von Textproben und Abbildungen, die vielen die eingehende Lektüre der dargestellten Werke erspart haben. Das Bürgertum hat ihn geschätzt und geliebt, womöglich sogar bewundert. Er durfte im Bücherschrank nicht fehlen; und er fehlte nicht. Noch heute, bei so vielen zerstörten, verbrannten oder verlorenen Privatbibliotheken, findet man ihn allenthalben. Er war in zwanzig Auflagen verbreitet.

Albert Soergels Absichten waren die besten, zunächst jedenfalls. Er versicherte, daß er unparteiisch sein möchte, gerecht auch gegen die, die seinem eigenen Wesen fremd seien. Er wolle auch das Unverständliche begreifen und begreifen lehren. Das war vor dem Ersten Weltkrieg, von dem er 1916 sagte, daß er manche Fragen schneller und anders löse, auch geistige. Er löste sie, scheint es, nicht. allzu gut. Denn gerade die geistigen Fragen, die Soergel nach vierjähriger Soldatenzeit vorfand, und die Welt, die sie hervorrief, waren wohl nicht mehr ganz die alten, trauten. Der einst unparteiische Soergel wurde, wie beinahe jeder damals, zusehends parteiischer, je näher das Jahr 1933 rückte. Nur geriet er auf die falsche Seite. Das zeigt sich schon in dem fortsetzenden zweiten Bande „Im Banne des Expressionismus“ (1925), der den Konservativen gewogener ist als den Linken. Nationales und nationalistisches Ressentiment macht sich bemerkbar. Da wird von Hans Johst gesagt, in ihm „fiebere germanisches, in den andern meist semitisches Blut“. Der Jude, heißt es da, wolle die Welt auslöschen, der Germane wolle sie wecken.

Es kam das Jahr 1930, in dem die „Gesellschaft der Bücherfreunde zu Chemnitz“ den fünfzigjährigen Soergel mit einer Festschrift beschenkte. Zu den Beiträgern gehörte Münchhausen, der Soergel den „getreuesten Wart deutschen Schrifttums“ nannte und ihm etwas widmete, was er für ein Gedicht gehalten haben muß. Es ist der Uberlieferung wert:

Dichtung Erst mit ungewissen Ruten

Zögernd muten,