Das Erste Fernsehen kommt im Augenblick zu kurz: die Neugier auf den Start des Zweiten läßt Dinge vernachlässigen, die zu kommentieren gewesen wären, Monks Gorki-Inszenierung etwa oder auch den 100 Washington-Brief Thilo Kochs. Vorläufig noch sortiert man die Konkurrenz-Programme nicht nach Belang und Gewicht; man nimmt auch Unwichtige: aus Mainz in Augenschein, weil man sehen will, wohin der Wagen läuft.

Er läuft, in dieser zweiten Woche, schon wesentlich besser. Etwas wie Routine stellt sich her, und die Angestrengtheit des Beginns läßt nach. Die Filmnachrichten sind besser komponiert, und sie werden auf lässigere Weise ins Haus gebracht. Auf dem Felde der Literatur hat man den Ausschuß der ersten Woche verbraucht; jetzt ist Ernsthafteres im Spiel, vom Gegenstand wie von der Darstellung her. Vielleicht wird es doch nicht so übel, wie der frohlockende ältere Bruder es will.

Ostrowskijs „Wald“ allerdings wurde von Michael Kehlmann, der doch im Ersten Programm einiges Sehenswerte gemacht hat, in eine plumpe Posse gebogen. Die Geschichte von dem auf das Gut seiner Tante zurückkehrenden Schauspieler gibt Sozialkritik an der spätzaristischen Gesellschaft, und so wird Ostrowskij in Ost-Berlin und in Ost-Deutschland seit 1945 gespielt. Sie gibt aber auch eine melancholische Apotheose der Bühnenwelt, deren wahren Gefühlen die bürgerlicharistokratische Sozietät als ein Reich des Scheins, der Unaufrichtigkeit und der Schauspielerei gegenübergestellt wird.

Kehlmann gab beides nicht und verließ sich statt dessen auf die Komik des Kontrastes, den Spaß der Situation und auf den Witz der Typen, von denen vor allem Hans Dieter Zeidler und Leopold Rudolf auf kaum noch glaubliche Weise begabt chargierten. So wurden beide Sphären der schönen und vieldeutigen Vorlage verfehlt, wenn auch das Publikum mit Gewißheit auf seine Kosten gekommen ist.

Um so eindrucksvoller am nächsten Tag Ludwig Cremers Fernsehspiel nach Hermann Melvilles Erzählung „Bartleby“. Hier wurde, bei völliger Umformung des Prosawerkes, die sonderbar zwischen Realität und Symbolik schwebende Welt Melvilles auf eine sehr bedeutende Weise ins Bild gebracht, woran die Kameraführung großen Anteil hatte.

Dies wäre eine der Sachen, die man sich früher in der Wiederholung noch einmal angesehen hätte, doch damit ist’s bei zwei konkurrierenden Programmen nun wohl fürs erste aus. lupus