H. W., Kiel

Das große Unbehagen, das die Christlich-Demokratische Union erfaßt, macht auch vor der „Jungen Union“ Schleswig-Holsteins nicht Halt. Ja, hier ist es vielleicht noch stärker zum Ausdruck gekommen als anderswo, weil es hier nicht allein um die Bundes-, sondern auch um die Landespolitik geht. In Bosau am Großen Plöner See befaßten sich jüngst die jungen Christlichen Demokraten mit der Kanzlernachfolge und forderten die 13 CDU-Bundestagsabgeordneten aus dem Land zwischen den Meeren auf, alles daran zu setzen, daß diese Frage sobald wie möglich geklärt werde. Das wäre weiter nicht erstaunlich gewesen.

Einen großen Schritt weiter noch aber ging in diesen Tagen der Kieler Kreis verband der Jungen Union. Hier, in der Landeshauptstadt Schleswig-Holsteins, haben die jungen Kräfte bei den Christ-Demokraten einmal kurz und kräftig auf die Pauke geschlagen. Und der Paukenschlag war auch außerhalb des Landes zu hören, auch in der Ermelkeil-Kaserne in Bonn. Der Hausherr im Verteidigungsministerium, nämlich Kai-Uwe von Hassel ist immer noch Landesvorsitzender der CDU in Schleswig-Holstein ...

In einem Artikel in der Hauszeitschrift des Kieler Kreisverbandes behandeln die jungen Rebellen unter der Schlagzeile „Nicht einschlafen, CDU!“ die Situation in Schleswig-Holstein. Und sie stellten die Frage, was leistet der Parteivorstand von Schleswig-Holstein – er besteht aus dem Vorsitzenden und vier gleichberechtigten Stellvertretern – für die CDU?

Über Herrn von Hassel, der immerhin den Landesvorsitz behalten hat, um, wie er es einmal ausdrückte, seine „politische Heimat“ nicht zu verlieren, heißt es in dem Artikel: „Seine Tätigkeit als Bundesverteidigungsminister läßt ihm keine Zeit, seinen politischen Geschäften als Landesvorsitzender im wünschenswerten Umfang nachzugehen.“ Ministerpräsident Dr. Lemke, sein Stellvertreter, sei durch sein Amt als Regierungschef in Kiel voll in Anspruch genommen. Stellvertreter Nummer zwei und drei, die CDU-Bundestagsabgeordneten Struve und Stoltenberg, „wirken politisch ohnehin fast nur in Bonn“. Der letzte Stellverteter schließlich, Gerlich, ist Ende vergangenen Jahres gestorben. Fazit der jungen Christlichen Demokraten in Kiel: Zur Zeit gibt es in Schleswig-Holstein keine aktive CDU-Führung.

Als Rezept zur Lösung der Führungskrise schlägt die Junge Union vor, Schleswig-Holstein sollte dem Beispiel der Bundespartei folgen und einen geschäftsführenden Landesvorsitzenden berufen, einen „Kieler Dufhues“.

Ob nun ein geschäftsführender Vorsitzender die Lösung aller Schwierigkeiten bringt und ob die Kieler Parteioberen diesem Vorschlag Geschmack abgewinnen, mag zweifelhaft sein. Aber der Vorstoß der Kieler Jungen Union ist ein Symptom für das Unbehagen in der Partei. „Es bedarf keiner politischen Prophetengabe“, so schrieben die Kieler Rebellen, „um zu behaupten, daß die Union schweren Zeiten entgegengeht. Insonderheit werden die nächsten Bundestagswahlen zur schwersten Belastung in der noch kurzen Geschichte der CDU werden. Viele Maßnahmen sind daher erforderlich, um dieser Partei neuen Schwung, größere Geschlossenheit und ein eindrucksvolles Profil zu geben.“ Das kann man nur unterschreiben.