Von Karlheinz Gieseler

In Tokio gehen die Uhren anders. Aber es sind nicht nur die acht Stunden, um die man seine Uhr vorstellen muß, wenn man nach vierundzwanzigstündigem Südkurs oder nach achtzehnstündigem Flug auf der Polarroute mit der Boeing 720 B auf dem Airport Haneda landet. Je länger man in Tokio weilt, desto deutlicher wird es spürbar, um wieviel anders die japanische Lebensuhr geht als die europäische. Es ist schon ein „Weltenwechsel“, mit dem sich wohl auch die meisten der 8000 zu den Olympischen Spielen 1964 erwarteten besten Sportler der Welt auseinandersetzen müssen.

Nimmt es Wunder, wenn es in Tokios Straßen schlimm aussieht? Die zehn Prozent Verkehrswege des Stadtgebietes (in New York sind es 35 Prozent), sind viel zu wenig für die über 820000 Kraftfahrzeuge. Das Verkehrsproblem ist auch der Alptraum der Gastgeber der Olympischen Spiele 1964. „Warte bis 1964“, sagen die Verantwortlichen im Metropolitan-Haus mit östlicher Gelassenheit. Mit rund 2,2 Milliarden DM werden zur Zeit 23 Olympia-Straßen mit insgesamt 142 km als Schnell- und Hochstraßen ausgebaut. Da gleichzeitig der S-Bahn-Verkehr erweitert und das U-Bahn-Netz auf fünf Strecken um 108 km verlängert wird, findet man heute mehr als 1200 Baustellen auf Tokios Straßen, wo Tag und Nacht gearbeitet wird.

Als Olympiastadt wäre Tokio eigentlich schon 1944 an der Reihe gewesen, doch damals war Krieg. Im Daichi-Hotel, in dem die Wettkämpfer wohnen sollten, setzte sich zuerst der Generalstab der japanischen Flotte fest. Später war es eine Art Karawanserei durchreisender amerikanischer Offiziere. Als die Metropole zwischen den Flüssen Sumida, Arakawa, Edogawa und Tama dann aber 1959 die Spiele zugesprochen bekam, da erfaßte die Japaner ein Freudentaumel. „Wir empfinden es als großes Glück, die Spiele und viele Gäste 1964 empfangen zu können“, sagte Professor Ryotaro Azuma, Gouverneur von Tokio und Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees.

Noch liegt das Zentrum der Spiele im Akasaka-Palast. 1906, nach dem Vorbild des Buckingham-Palace als Residenz für den Kronprinzen erbaut, beherbergt er heute das Organisations-Komitee der Olympischen Spiele. Nach viermonatigem Interregnum unter Prinz Takeda bekam dieses Komitee inzwischen mit dem 76 Jahre alten Daigoro Yasukawa, dem Chef der japanischen Atomenergie-Gesellschaft, auch wieder einen Präsidenten; sein Generalsekretär ist Shigeru Yosano, der noch bis vor kurzem Botschafter in Madrid und Kairo war und dessen Mutter als eine der bedeutendsten japanischen Dichterinnen der Gegenwart gilt.

172 Personen arbeiten zur Zeit in diesem Komitee, und sie werden bis zum Beginn der Spiele noch alle Hände voll zu tun haben. Denn noch kein Komitee hat es zuvor wohl so schwer gehabt wie dieses. „Ohne Finish im Stil eines Sprinters wird es kaum abgehen“, sagt Yosano voraus. „Aber dafür werden es auch japanische Spiele sein“, tröstet er sich wieder. Das alles lassen sich die Japaner die gewaltige Summe von 140 Millionen DM – ohne Straßenbau – kosten, wie es im Etat des Organisations-Komitees nachzulesen ist.

In Tokio haben die Spiele drei Schwerpunkte: am Meji-Park, im Komazawa-Sportpark und im Yoyogi, an der Südostecke des Olympischen Dorfes, wo gerade in diesen Tagen, nach dem Abriß von 191 Gebäuden der Washington Heights (die von den Amerikanern frühzeitig geräumt worden waren). mit dem Bau des Yoyogi-National-Gymnasiums begonnen wurde. Diese riesige Mehrzweckhalle, die fast 26 Millionen Mark kostet, ist für Schwimmen, Springen, Judo und Basketball vorgesehen und stellt das Prunkstück der neuen gewaltigen Olympiabauten dar. Unter dem „Schildkrötendach“ der gewaltigen Schwimmhalle, haben 15 000 Zuschauer Platz; das Becken wird durch eine Automatik für die Judokämpfe abgedeckt. Das Gesamtprojekt wird erst im August 1964 fertig sein.