K. H., Hamburg

Hamburg-St. Pauli, Reeperbahn 116. Rechts das „Allotria“-Bierhaus, links ein Wettbüro.. Auf der Straße geht ein alter Mann auf und ab, der mit Handzetteln für das Nachmittagsprogramm der Erotic-Bar wirbt. Zwei Gestalten in Leder flankieren die Tür.

Im ersten Stockwerk des Hauses 116 vermutet die Staatsanwaltschaft die größte Propagandazentrale der illegalen KPD. In dem dunklen Eingang verrät kein Schild die Bewohner des ersten Stockwerks. Schmutzige Wände, eine steile Holztreppe. Am Ende der Treppe eine Tür, auf die ein Zeitungskopf geklebt ist: „Blinkfüer – unabhängige Wochenzeitung for de Waterkant.“

Bundestagsabgeordnete, Verfassungsschutz, politische Kriminalpolizei und die Hamburger Staatsanwaltschaft assoziieren mit dem plattdeutschen Wort Blinkfüer nicht den Geruch von Nordseewasser, sondern die letzte auflagenstarke prokommunistische Propaganda-Publikation in der Bundesrepublik.

Einmal in der Woche können die norddeutschen Küstenbewohner – und mehr als 100 000 von ihnen machten zeitweise von dieser Möglichkeit Gebrauch – für 20 Pfennig im „Blinkfüer“ eine Interpretation der politischen Tagesereignisse finden, wie sie sonst nur jenseits der Zonengrenze üblich ist. „Blinkfüer“ sagt, was man in der SED/KPD denkt, ohne sich zu zieren: Der Bundeskanzler ist ein „kaum noch des logischen Denkens fähiger Mummelgreis“, Westberlin ein „terroristischer Sumpf revanchistischer Organisationen“. „Blinkfüer“ kommentiert den Berliner Mauerbau: „Am 13. August 1961 hat die bewaffnete Arbeiterklasse auch in Deutschland der Reaktion, den Kriegstreibern und Hitlergeneralen mit Erfolg Paroli geboten.“ Und: „So was Gemeines, einfach die Grenzen nach Westberlin dichtzumachen. Wie sollen sich denn da unsere Agenten mit den Ostbewohnern treffen können.“ Zu den Schüssen an der Grenze: „Man ist entsetzt... Mitten in Deutschland schießen Deutsche auf Deutsche. Knallen maßlos verhetzte Bundesgrenzschutzsoldaten, Westberliner Polizei, Agenten und Provokateure Volkspolizisten und Grenzsoldaten der DDR ab.“

Blinkfüer begrüßt die Kollektivierung in der DDR mit der Schlagzeile: „Tagelöhner werden Millionäre.“ Es macht sich zum – freilich ungebetenen – Sprecher der Atomwaffengegner und meint zu den Atomwaffenversuchen der Sowjets: „Bei aller Friedensliebe, wir sind keine Pazifisten.“ „Wir, die Werktätigen des Westens, würden es ihr (der Sowjetunion) schwer übelnehmen, wenn sie darauf verzichten würde, die stärkste Macht der Welt zu sein.“

All das und ähnliches mehr drückt Blinkfüer jede Woche für die Bürger Norddeutschlands – bis heute ganz legal. Schon in einigen Wochen indes soll Blinkfüer nur noch im Museum des Verfassungsschutzamtes ausliegen, und sein Herausgeber, Ernst Amt, hinter schwedischen Gardinen für seine zehnjährige Propagandatätigkeit büßen. Die Hamburger Staatsanwaltschaft hat Anklage erhoben.