R. B., Berlin, im April

Genau zu der Zeit, da sich die sowjetische Diplomatie erneut mit allen Mitteln bemüht, Westberlin "frei" – nämlich bundesunabhängig – zu machen, ließ Präsident Kennedy mitteilen, er werde sich freuen, gemeinsam mit Bundeskanzler Konrad Adenauer nach Berlin zu fliegen. Der Sprecher in Washington fügte hinzu: "Wenn er nach Berlin fliegt." Es war die Antwort auf Adenauers Vorschlag, den Präsidenten bei seinem ersten Besuch in der geteilten Stadt zu begleiten.

Freilich gibt es für den gemeinsamen Empfang von Kennedy und Adenauer in Berlin einiges zu überlegen. Kennedy ist wegen des Besatzungsstatats Hausherr in Berlin und Adenauer dort sein Gast, wenn auch ein Gast besonderer Art – ähnlich wie Berlin als Bundesland besonderer Art rangiert. Nach deutschem Recht gilt das bundesrepublikanische Grundgesetz in Berlin. Nach dem Besatzungsrecht ist das Grundgesetz hier suspendiert. Adenauer würde also in Begleitung Kennedys sozusagen ein suspendierter Bundeskanzler sein.

So ergeben sich komplizierte Fragen für das Protokoll des gemeinsamen Empfanges. Als der amerikanische Vizepräsident Lyndon Johnson im August 1961 auf dem Tempelhofer er Flughafen ankam, empfingen ihn zwei Ehrenkompanien: Amerikaner und Deutsche. Die Deutschen gehörten zur Berliner Bereitschaftspolizei. Der amerikanische Musikzug spielte die eigene Nationalhymne und dann, zur geringen Erbauung der Berliner, "Das ist die Berliner Luft". Ob für Kennedy diesmal das Deutschlandlied gespielt wird? Ferner: Wie wird die feierliche Einfahrt in die Stadt vonstatten gehen? Wird der US-Präsident den Wagen des Regierenden Bürgermeisters besteigen und den greisen Bundeskanzler allein hinterherfahren lassen?

Hinter diesen Protokollfragen verbergen sich ernsthafte politische Probleme. Die Berliner wollen nicht glauben, daß der Bundeskanzler bei Kennedys Berlin-Besuch in den Schatten treten sollte. Sie hoffen, daß John Kennedy das Wort seines Bruders Robert einlösen wird, der bei seiner Visite in Berlin eindeutig gesagt hat, daß die Bindungen Berlins zum Bund zur Lebensfähigkeit der Stadt gehörten.