Zweifel an der nackten Form – Der "Verbundkreis" juriert sich selbst

Von Manfred Sack

Ich hatte das eigenartige Gefühl, es sitze ein Gespenst mit am Tisch. Es war nicht "der Geist Louis Sullivans", der um 1900 die Formel "form follows function" (die Form hat sich der Funktion anzupassen) in die Welt gesetzt hatte, ohne voraussehen zu können, was er damit noch mehr als sechzig Jahre danach anrichten würde; es war nur noch das Schemen einer verbrauchten Idee, ein Gespenst. Wenn es nicht über Messer, Gabel, Schere, Leuchter tanzte oder in Tassen, Töpfen, Zuckerdosen, in Sektkelchen, Sektflöten, Sektschalen gaukelte, wurde es mit gefurchten Stirnen zum Kampf herausgefordert. Mitten in der Sitzung erwischte es Erwin Braun, der Fabrikant vieler Grand-Prix-gespickter Radios, Röster, Rasierapparate aus Frankfurt, für Sekunden am Schlafittchen. Er leerte demonstrativ seine Taschen, wand sich den Schlips vom Hals und wies verschmitzt auf seine "funktionsgerechten und zweckmäßig geformten" Gebrauchsgegenstände auf dem Teaktisch: Sie funktionierten alle ausgezeichnet, und sie waren alle auf ihre Weise geschmückt. Er, dem die Freunde vorher belustigt das "Patent auf rechten Winkel und Kubus" angehängt hatten, wollte damit sagen: Zweckbestimmung allein ist dürftig. Gegenstände bedürfen auch des Schmuckes – wenn sie nicht nur funktionieren, sondern Freude stiften sollen.

An jenem Tisch im Düsseldorfer "Studio-Haus" an der Königsallee saßen:

  • Erwin Braun, mit seinem Bruder Chef der Braun AG, Hersteller von Elektro-Geräten, die berühmt und nicht ganz neidlos anerkannt sind wegen ihrer "ästhetisch und funktionell" vollendeten Formen.
  • Professor Burkhardt, Vorstandsvorsitzender der Württembergische Metallwaren-Fabrik (WMF) in Geislingen/Steige. Erzeugnisse: Bestecke, Tafelgerät, Gläser, Kochtöpfe.
  • Direktor Hirschfeld von der Bremer Tauwerk-Fabrik, hier vertreten mit Teppichen. Spezialität: einfarbige Sisal- und Sisalbouclé-Teppiche.
  • Diplom-Ingenieur Kieffer, Chef der G. M. Pfaff AG. Nähmaschinenfabrik in Kaiserslautern;
  • Europa-Präsident Toby Rodes von Knollinternational, New York. Die vielgerühmten, mit Auszeichnungen versehenen Produkte: Möbel, Lampen, Wohntextilien.
  • Philip Rosenthal, Manager der Rosenthal-Porzellan AG in Selb (Bayern); sie stellt neben Porzellanwaren auch Gläser und Bestecke her. bei Osnabrück – fehlte, auch wenn es sich um ein wichtiges Ereignis handelte: um die Chefsitzung des "Verbundkreises für Industrieform". Diese Gruppe Industrieller, die sich 1955 zusammengetan hat und ihre Waren auf bemerkenswerte Weise ständig selbstkritisch beurteilt, hat bisher kaum Publizität gefunden; sie ist als Gruppe, wenn man von der Wanderausstellung "form-farbe-fertigung" absieht, der Allgemeinheit nahezu unbekannt geblieben. Gleichwohl sind ihre Bemühungen um gute Industrieform und ihr Mut beachtlich. Sie wendet sich vorliegend an junge Menschen, nicht zuletzt durch die Zusammenarbeit mit dem Bund der deutschen Kunst- und Werkerzieher, die den ganz vorzüglichen Bildband "Werken – Bilden" hervorgebracht hat.

Einmal im Jahr finden sich die Leiter der acht Unternehmen zusammen. Sinn der Sitzung dieses "statutenlosen und präsidentenlosen Kreises" ist es, aus der neuen Produktion jeder der acht Firmen diejenigen Gegenstände auszuwählen, die in die gemeinsamen Sonder- und Wanderausstellungen aufgenommen werden: Ein kleiner Teil dessen, was an Neuem produziert wird. Der Vorgang ist unprätentiös und zuweilen rücksichtslos: Ein Fabrikant stellt vor, erläutert, gibt einem besonders geliebten Ding ein paar gute Worte mehr mit auf den Weg, die anderen sind die Jury. Sie jurieren hart, und sie müssen alle ziemlich viel Federn lassen.

Ihre Maßstäbe beziehen sie, widerwillig, aber immer noch unter einer weitverbreiteten Art von Zwangsneurose,von jenemGespenst des Funktionalismus, dessen Maxime hieß: Eine Form ist schön, wenn sie funktionell – das heißt: für den Gebrauch – richtig und zweckmäßig ist. Die Münze ist abgegriffen, gleichwohl wird sie mit Hingabe öffentlich (und demonstrativ) gehandelt. Alldieweil werden unterm Tisch verschämt die neuen Taler – mit Dekor, mit Ornament – gewechselt. Denn Louis Sullivan, der Amerikaner, und – eigentlich viel wichtiger – Hermann Muthesius hatten ihre Mission schon 1914 erfüllt. Und die hieß im – auch Sozialrevolutionären – Kampf gegen die ornamentalen Wucherungen des 19. Jahrhunderts: