In München lebt man sich ein, mischt man sein Preußisch bald mit bajuwarischen Brocken wie „jo mei“ oder „sakradibüx“, und man ist schnell mit dem Hausnachbarn, den Tischnachbarn, der Kellnerin und dem Briefträger auf vertraulichem Fuß. In Hamburg aber droht den Zugewanderten Vereisungsgefahr. Sie klagen oft über die geringe Möglichkeit, mit den Einheimischen Kontakt zu finden. Die der englischen Art nahe Tendenz, den andern in Ruhe zu lassen, scheint in Hamburg auf die Spitze getrieben zu werden. Die Zugewanderten fühlen sich allzusehr „in Ruhe gelassen“. Die Theaterleute vermissen einen echten Widerhall ihrer Leistungen. Der Applaus, so sagen sie, ist oft lebhaft, aber nur sehr selten herzlich oder gar begeistert.

Die aus Pommern, Ostpreußen, Schlesien in die Spreemotropole Eingewanderten haben sich sehr schnell zu hochgradigen Berlinern entwickelt. Es scheint aber nicht, daß die Berliner zu Hamburgern werden können, auch nicht nach Jahrzehnten. Natürlich gibt es da Ausnahmen wie meinen Freund Erwin, der das st spaltet, die Syntax absichtlich verwirrt und den Ehepaaren aus den Nachbarvillen Aalsuppe und Birnen mit Rauchfleisch und Grünkohl vorsetzt. Dieser oft auf Weltreisen gehende Makler, der aus Berlin-Wilmersdorf stammt, ist Amateurkoch für Hamburger Spezialitäten. Er ist sehr hamburgisch geworden, „allzu hamburgisch“, wie hinterher auf der Straße einer seiner Gäste nüchtern kommentierte: „Wir Hamburger, wissen Sie, sind nämlich gar nicht so enorm hamburgisch, oder wenigstens, wir führen das nicht so vor.“

Der Zugewanderte soll sich an den Herrlichkeiten der Stadt erfreuen wie ein permanenter Tourist. Aber er soll nicht den Ehrgeiz haben, hamburgisch zu werden. Er soll sich an der schönen Oberfläche halten, da man ihm das Eindringen in die Tiefe so schwer macht, vor allem in jene Welt der weithin planenden eingesessenen Kaufleute, die immer noch die Lage der Hansestadt bestimmen, diskret und unbeirrbar wie einst. Ihre Hauptrequisiten sind das Notizbuch, ihre Lebensgrundlage ist ihr Ruf. Wie ehemals bevorzugt der Hamburger Kaufherr die Geselligkeit im Familienkreise und überläßt die Schlemmerstätten mit ihrem Steinbutt (der nirgends besser schmeckt als in Hamburg) und die exotischen Lokale mit ihren indischen Reistafeln und chinesischen Morcheln dem Fremden, dem unerschütterlichen Seemann und jenen Hamburgern schlichterer Klasse, die es auch geben muß.

Hamburg mit seinen Patriziern, seinen Seeleuten, seinem Heer von Angestellten und Arbeitern, die abends in irgendeiner beinahe kleinstädtisch wirkenden Straße zum „Ball paradox“ gehen oder zum Arrakgrog oder zu beidem; Hamburg, die Seemetropole zu Lande, die bei weitem größte und weltoffenste Stadt des Bundesgebiets, ist im Grunde geblieben, wie sie war: eine selbstbewußte Stadt, deren alter Kern wie eine heiter-bewegte Bühne wirkt, mit seinen Fleeten und Kolonnaden, seinem bläßlichen Jungfernstieg und den Schwänen, die manchmal wie auf Kommando rudelweise auffliegen, um eine Runde um das Alsterbecken zu machen.

Ja: Hamburg mit seinen Blumenmärkten, seinen Elbbrücken, seinen Geschäftsstraßen präsentiert sich dem Blick des Fremden fast ein wenig theatralisch, vor allem nachts, wenn das – behördlich auf weiß reduzierte – Lichter-Legato die Alster umzieht. Aber nirgends wird die Stadt pathetisch oder gar altertümelndromantisch. Hamburg ist eine dramatische Stadt mit einer Regie, die auf „Understatement“ bedacht ist.