DARMSTADT:

„Baal“ von Bertolt Brecht

Bei der Durchsicht seines ersten Bühnenstücks, 1918 geschrieben, 1923 unter Skandal in Leipzig uraufgeführt, bemerkte Brecht 1954: „Ich gebe zu (und warne): dem Stück fehlt Weisheit.“ Baal sollte einst der Oh-Mensch-Dramatik des Expressionismus widersprechen und entstand im Gegensatz zu Hanns Johsts Grabbe-Drama „Der Einsame“. Als das „schleimige Szenarium“ jetzt wieder einmal aufgeführt wurde, empfand der Kritiker der FAZ, Günther Rühle: „Wenn je ein Dichterstern aufging, dann hier ... Der Weg vom frühen zum späten Brecht ist ein Kampf Brechts gegen den Baal in sich; ein Versuch, sich jenseits dessen, was wilde Natur in ihm war, zu organisieren (mit allem, was an politischen Inhalten in dieses Wort eingeströmt ist).“ Ob das Stück dem Theater wiedergewonnen werden kann? Marianne Kesting bestreitet in der Süddeutschen Zeitung, daß dies der Darmstädter Aufführung gelungen sei: „Noch selten war hier eine solche eklatante Fehlinszenierung zu sehen. Anstatt einer in düster leuchtende Bilder aufgelösten Szenenflucht, an Büchners ‚Woyzeck‘ gemahnend, sah man ein langsam sich aufklappendes, ziemlich harmloses, szenisches Bilderbuch. Hans Dieter Zeidler als Baal war eher ein Falstaff ..., keineswegs ein Anarchist aus Lebensüberschwang An der Unglaubwürdigkeit der Zeidlerschen Interpretation scheiterte die ganze Inszenierung ... Der Mißverständnisse war kein Ende.“ Dem Regisseur Hans Bauer wird in der FAZ zwar bestätigt, daß er „diesen verkürzten Zeidlerschen Baal im zweiten Teil der Inszenierung wieder ‚aufbaut’; er gibt ihm dann elegische Töne und Halbdunkel.“ Aber „die Wirkung bleibt partiell wie die Arbeit“.

FRANKFURT/MAIN (Kleines Haus):

„Der Marquis von Keith“ von Frank Wedekind

Gustaf Gründgens hat das Stück mit sich selber in der Titelrolle 1946/47 am Deutschen Theater in Berlin wieder inszeniert, 1956 auch Hans Schalla mit Hans Messemer für die Ruhrfestspiele. „Eine Frankfurter Neuinszenierung durch Franz Reichert mit Hans Korte in der Titelrolle bewies jetzt, daß solche Wiederbelebung eines Verschollenen mehr ist als Pietät und Theaterphilologie.“ Karl Korn schreibt in der FAZ: „Die Aktualität des Stücks wird gerade vor unserem Zeithintergrund deutlich. Keith, der Hochstapler, provoziert nicht nur die Gesellschaft und ihre Moral, er bestätigt sie ... Der Zynismus bricht wie ein Gewitter über den Theaterbesucher herein. Aber er wird nicht moralisch erschüttert oder gar gereinigt, sondern durcheinandergeschüttelt, mit Moritat und Wahrheit, Kolportage und Hintertreppe ergötzt und insgeheim unsicher gemacht... Mag sein, daß unsere Glücksritter nicht mehr die literarisch-philosophische Ader haben (wie Keith), mag sein, daß Keiths Gegenspieler, der Pessimist und Moralist Scholz, andere Tarnungen und Illusionen vorweist. Die Muster sind dieselben geblieben ... Reichert hatte mit gutem Grund die münchnerischen Lokalkolorits aus dem Text genommen und die Aufführung vor dem Mißverständnis, man habe es mit einer Rekonstruktion von dazumal zu tun, bewahrt.“ In weiteren Rollen: Herbert Mensching (Scholz), Sigrid Marquardt (Gräfin von Werdenfels), Marianne Lochert (Molly). Ausstattung: Franz Mertz. Jac