Papst Johannes: das Atom zwingt zur Koexistenz

Wenn der Papst seine Stimme erhebt, merkt die Menschheit auf. Auch Nichtkatholiken, auch Nichtchristen, sogar Atheisten tun es, denn der Heilige Vater ist mehr als das Oberhaupt seiner Kirche. Wenn er sich, wie Johannes XXIII., in seiner Enzyklika Pacem in terris, an "alle Menschen guten Willens" wendet, dann spricht aus ihm das Gewissen der Menschheit. Zumal dort, wo er sich zu der Lebensfrage unserer Zeit äußert, der Organisation des Friedens zwischen den Völkern. Sogar die Kommunisten zollen ihm dann Beifall – und billig wäre es, ihren Beifall allzu eilfertig als bösartige Propaganda abzutun. Dahinter steckt mehr: die Erkenntnis nämlich, daß der Krieg im thermonuklearen Zeitalter kein Mittel der Politik mehr sein kann.

Diese Erkenntnis ist in der Karwoche von dem Leitartikler der Prawda fast gleichlautend formuliert worden wie von Johannes XXIII. "Es ist kaum vorstellbar", so sagte der Papst, "daß der Krieg im Atomzeitalter als Werkzeug der Gerechtigkeit benutzt werden könnte." Der Prawda-Kommentator aber, in einer Erläuterung zu den Partei-Losungen für den 1. Mai, wiederholte die Moskauer These von der "friedlichen Koexistenz", derzufolge der Atomkrieg vermieden werden könne und vermieden werden müsse. Deutlicher als an dieser bemerkenswerten Parallelbekundung läßt sich nirgends ablesen, daß Ost und West heute ein gemeinsames, alle Differenzen politischer und weltanschaulicher Natur überwölbendes Interesse haben: der Welt ein atomares Harmagedon zu ersparen.

Die kritische Schwelle

Nun ist der Zustand des Nichtkrieges mit dem eines wirklichen Friedens nicht zu verwechseln. Nach der kommunistischen Definition friedlicher Koexistenz müssen wohl globale, mit Kernwaffen ausgetragene Konflikte vermieden werden, doch schließt sie weder Revolutionen noch nationale Befreiungskämpfe aus – schließlich soll die kommunistische Ideologie ausgebreitet werden.

Mag sein, daß die kommunistische Erkenntniskraft hier einfach noch nicht an die akkumulierte christliche Weisheit zweier Jahrtausende heranreicht, die seit langem die Ausbreitung des Christentums mit dem Mittel des Krieges ablehnt. Vielleicht aber sind die Moskauer Ideologen innerlich auch schon weiter; vielleicht führen sie bloß ein katechetisches Rückzugsgefecht gegenüber den abenteuernden Orthodoxen in Peking. Immerhin muß auffallen, daß ihre Praxis weit weniger explosiv ist als ihre Theorie. Bisher sind noch alle "nationalen Befreiungskriege" unterhalb der kritischen Schwelle geführt worden – und darauf kommt es schließlich an.

Heute ist es wesentlicher, daß die Staatsmänner ihre Grenzen kennen, als daß sie rücksichtslos ihre Ziele verfolgen. Denn überschritten sie diese Grenzen, so machten sie nicht nur alle Chancen zunichte, ihr Fernziel zu erreichen, sondern zerstörten auch ihre Ausgangsbasis. Die Vernichtungskraft der Kernwaffen setzt dem militanten Expansionsdrang der Ideologen Schranken, die sie nur bei Strafe des Untergangs übersteigen dürfen. Das Atom hält zur Vorsicht an und zur Umsicht; der Selbsterhaltungstrieb wird stärker als jegliches Ausdehnungsgelüst.