Die drei Kreuze des Kremlherrn: Kulturpolitik, Wirtschaftsorganisation und Mao Tse-tung

Von Wolfgang Leonhard

Ist im Kreml ein neuer Machtkampf im Gange? Wankt Chruschtschows Position? Gerüchte, Vermutungen und Erklärungen widersprechen sich. Polnische und ungarische Diplomaten haben, wie der Moskauer Korrespondent der italienischen KP-Zeitung Unita über Konflikte im Kreml berichtet und angedeutet, daß Chruschtschows Stellung angeschlagen sei. In Peking kursiert das Gerücht, daß es auf einer internen Sitzung der Sowjetführung zu heftigen Auseinandersetzungen gekommen sei; Chruschtschow und Staatspräsident Breshnjew sollen dabei überstimmt worden sein. Nach anderen Berichten soll Chruschtschow bald vom Posten des Ministerpräsidenten abgelöst werden.

Westliche Korrespondenten in der sowjetischen Hauptstadt haben bisher jedoch keine Anzeichen für interne Machtkämpfe oder gar für eine bevorstehende Degradierung Chruschtschows erkennen können. Wäre seine Position gefährdet, so würde der Kremlherr kaum am Schwarzen Meer Ferien machen. Handelt es sich bei den Meldungen über den neuen Machtkampf also um gesteuerte Indiskretionen? Niemand vermag diese Frage heute schon mit Sicherheit zu beantworten. Fest steht bisher nur, daß die sowjetische Politik gegenwärtig auf mehreren Gebieten bedeutsame Schwenkungen vollzieht. Der Kreml steuert wieder einen härteren Kurs.

Besonders kraß ist dies in der Kulturpolitik zu erkennen. Es war lange Zeit Chruschtschows Ziel, die Beziehungen zwischen dem Parteiapparat und den Intellektuellen auf eine neue Basis zu stellen: Er wollte die Schriftsteller und Künstler von dem lähmenden Detailreglement des Parteiapparats befreien und die Zügel etwas lockern. Dabei hoffte er, daß die künstlerische Intelligenz interessante und bewegende Werke schaffen werde, ohne indessen die Grenzen des ihr zugestandenen „freien Spielraums“ zu überschreiten.

Diese Hoffnung Chruschtschows hat sich nicht erfüllt. Zwar sind in den letzten Jahren Werke von hohem literarischem Rang erschienen, die mit Recht auch im Ausland Beachtung fanden. Aber die Theorie des „begrenzten Spielraums“ hat nicht funktioniert. Die Schriftsteller und Dichter sind mutig auf die wirklichen Probleme eingegangen, die heute die sowjetischen Menschen bewegen. Ihre Schilderung menschlicher Konflikte, des Widerspruchs zwischen Individuum und Kollektiv, ihre Darstellung der tragischen Seiten des Lebens und des Generationen problems, vor allem aber ihre Kritik an der stalinschen Vergangenheit lief auf eine Rebellion gegen die Primitivität des „sozialistischen Realismus“ hinaus; so aber lösten sie sich von den ideologischen Postulaten des Regimes.

Hinzu kam der außerordentliche Widerhall, den die reformfreudigen Schriftsteller in der Bevölkerung fanden. Tausende kamen zu den Dichterlesungen Jewtuschenkos. Sein Gedichtband „Zärtlichkeit“ – Auflage: 100 000 – war in wenigen Stunden ausverkauft. Noch niemals war so deutlich geworden, daß in der Sowjetunion eine öffentliche Meinung außerhalb der Partei im Entstehen ist.