Von Wolf Jobst Siedler

Die Auseinandersetzung über die Zukunft der Berliner Festwochen dauert jetzt ziemlich genauso lange wie der Streit über die Nachfolge Adenauers: anderthalb Jahre also, die Zeit, die seit der Errichtung der Mauer verflossen ist. Mit dieser Mauer hatte sich auch für das Festival alles verändert, mit dessen Gesicht es ja immer etwas sonderbar bestellt gewesen war.

Es hat niemand je zureichend genau anzugeben gewußt, welche Bewandtnis es mit Berlins Festwochen hat. Sie waren, trotz zureisender Truppen aus Amerika, Italien, Frankreich und England, kein europäisches Ereignis: Es bedurfte einiger Mühe, die Kritiker der großen europäischen Presse zum Herbeieilen zu bewegen, und an zahlenden Ausländern kam nur, wer ohnehin geschäftehalber in dieser Stadt war.

Sie waren auch nur sehr bedingt ein nationales Ereignis, und das in geographischer und kulturpolitischer Hinsicht. Man reist nicht vom Bodensee heran, um Gastspiele aus München in Berlin zu sehen, einige internationale Zutaten kurzerhand beiseite gelassen.

Und man konnte dieses sonderbare und in so vielerlei Betracht gespaltene Land nicht zur künstlerischen Selbstartikulation bringen, weil es so entschlossen darauf beharrt, sprachlos zu bleiben: Die Produktivität von Deutschlands Dramatikern und Komponisten reicht nicht aus, ein jährliches Festival zu füllen. Berlins Festwochen waren eine Sache Berlins, wogegen vielleicht gar nicht so viel einzuwenden war, wenn man es nur klar sieht und sagt.

Die Stadt brachte sich sozusagen zur Selbsterscheinung, was man vielleicht so interpretieren kann, daß sie die erfreuliche Tatsache ihres Vorhandenseins durch die Abhaltung von Theater- und Opernpremieren augenfällig machte, eine Angelegenheit, die in der Sprache der Politik dann zumeist kultureller Selbstbehauptungswille genannt wird. Berlins Festwochen waren zudem eine Sache der ganzen Stadt, womit denn nun doch ein politischer Gesichtspunkt ins Spiel kommt.

Die Ostberliner kamen und nahmen in Augenschein, zu Preisen in ihrer eigenen Währung. Sie kamen sogar aus der Zone, aus Greifswald und Dresden, es gibt Statistiken über den Ost-Blick auf West-Bühnen. In den Premieren Jean Vilars oder Jerome Robbins’ sah man Ostberlins intellektuelles Funktionärskorps vom Dramaturgen zum Cheflektor. Es ist nicht ausgemacht, daß davon nicht manches in die inzwischen verurteilten Bühnenexperimente von Zonentheatern und in die mittlerweile gemaßregelte Programmplanung der Musikabteilung des Ost-Rundfunks eingegangen ist.