r. g., Stuttgart

Der Vater eines vierzehnjährigen Volksschülers, der Anfang des Jahres seinen Wohnsitz nach Stuttgart verlegt hat, ist empört. Er war schon auf der Suche nach einer Lehrstelle und mußte nun erfahren, daß sein Sohn, obwohl dieser acht Klassen Volksschule durchlaufen hat, in Stuttgart keineswegs zu Ostern seine Schulpflicht erfüllt hat. In Stuttgart beginnt in diesen Tagen zum erstenmal das neunte Schuljahr. Die Verlängerung der Schulpflicht, die Kultusministerium und Landtag von Baden-Württemberg anstreben, ist bisher auf einzelne Städte beschränkt. Weinheim und Eßlingen hatten den Anfang gemacht; in diesem Jahr folgen Stuttgart und Backnang. Die Einführung des neunten Schuljahrs, die jeweils von der Gemeinde beantragt wird, richtet sich nach den örtlichen Voraussetzungen.

Man kann nicht gerade sagen, daß die Voraussetzungen in der Landeshauptstadt ausgesprochen günstig seien. Obwohl die Stadt für die Schulen einiges tut, fehlen Klassenräume. Den weiteren Zuzug nach Stuttgart nicht gerechnet, braucht man hier innerhalb von zehn Jahren zusätzlich mindestens 684 Klassenräume allein für Volks-, Mittel- und Sonderschulen. Wenn jedoch die Stadtplaner recht haben, daß sich die Einwohnerzahl von Stuttgart in dieser Zeit um 75 000 vergrößert, so sind noch fast 900 Klassenräume erforderlich – beinahe soviel, wie jetzt Klassenräume an den Volksschulen vorhanden sind. Dennoch haben die Rektoren das neunte Schuljahr befürwortet; die pädagogischen Argumente erscheinen ihnen gewichtiger als die räumlichen Schwierigkeiten. Weil die 60 Zimmer fürs neunte Volksschuljahr nicht da sind, muß man andere Räume benutzen, hier den Musiksaal oder das Physikzimmer, dort den Gymnastikraum oder den Zeichensaal. Das Kultusministerium hat das seinige getan: Lehrer fürs neunte Schuljahr sind vorhanden. Wie das werden soll, wenn im ganzen Land der Schulbesuch länger dauert, steht auf einem anderen Blatt.

Allerdings wechseln erfahrungsgemäß nur etwa 60 Prozent der Schüler der achten Klassen in die neunten über. 20 Prozent nämlich erfüllen ihre jetzt neunjährige Schulpflicht in acht Klassen. Weitere 20 Prozent treten von der achten Volksschulklasse in eine andere Schule über. Die neue Fassung des Schulpflichtgesetzes läßt da verschiedene Möglichkeiten zu – „bis auf weiteres“. Diese Formulierung der Vorläufigkeit nährt eine Auseinandersetzung. Insbesondere die Lehrergewerkschaft tritt mit dem Schlagwort „Keine Abwerbung von der Volksschule!“ dafür ein, daß ausnahmslos jeder Volksschüler neun Jahre an der Volksschule zu bleiben habe. Die Handelsschulen hingegen, wo die Absolvierung des neunten Schuljahres auch möglich ist, dringen darauf, es bei der bisherigen Regelung zu belassen; sonst müsse ein Absolvent der Höheren Handelsschule fast ebenso lange zur Schule gehen wie ein Gymnasiast.

Dieses Tauziehen findet jedoch gewissermaßen innerhalb der Schulfamilie statt. Schlimmer ist es, daß viele Eltern den Sinn des neunten Schuljahres nicht einsehen. Befreiungsanträge werden jedoch vom Kultusministerium grundsätzlich abgelehnt. Anders ist es jedoch, wenn ein Vater aus einer Randgemeinde Stuttgarts mit noch achtklassigen Schulen sein Kind freiwillig ein Jahr länger zur Volksschule gehen lassen möchte. Obwohl der Fall nicht vorgesehen ist, würde man diesen Schüler dann in Stuttgart aufnehmen, damit er dort der Vorteile des neunten Schuljahres teilhaftig werde. Ein Schulrat hat überdies an die Eltern nicht mehr schulpflichtiger Achtklässler appelliert, ihr Kind ein weiteres Jahr im „Schonraum Schule“ zu lassen.

Weit häufiger aber trachten die Eltern danach, ihr Kind der neunjährigen Schulpflicht zu entziehen. Die legale Möglichkeit ist der Umzug in einen Nachbarort von Stuttgart.