Washington, im April

Die Öffentlichkeit hat zu früh über den vielberufenen Haltungswechsel de Gaulles gegenüber Washington und seine Pläne für eine Atomstreitmacht gejubelt. Außenminister Rusk konnte am Rande der SEATO-Tagung in Paris und auch in der Sitzung des ständigen Atlantik-Rates letzte Woche zwar eine ausgesprochen höfliche und gastfreundliche Haltung der Franzosen registrieren; er konnte mit Genugtuung verzeichnen, daß die französische Regierung reges Interesse an den Planungen der südostasiatischen Paktorganisation nimmt; er hatte auch ungezwungene Aussprachen mit Couve de Murville und sogar mit de Gaulle. Doch führte all dies keineswegs zu einer Überbrückung der grundsätzlichen Meinungsverschiedenheiten.

Das eigentliche Ergebnis der Pariser Konferenzwoche läßt sich am treffendsten mit den Worten eines hochstehenden amerikanischen Beamten beschreiben, der an der Seine mit von der Partie war: „Wir haben versucht, die Phantome zu packen, und wir haben beobachtet, welche sich in Dunst auflösten und welche einen realen Kern haben.“

Eines der Phantome, das sich verflüchtigt hat, war die Befürchtung, de Gaulle wünsche nichts sehnlicher herbei als das Verschwinden der Amerikaner aus Europa; ein anderes die Angst, er spiele mit dem Gedanken eines Alleinganges nach Moskau. Die Amerikaner hinwiederum konnten ihn auch in einem Punkte beruhigen: Sie denken nicht daran, sich mit den Sowjets am Angelpunkt Berlin über eine atomare Neutralisierung Europas zu verständigen.

Solche Richtigstellung gegenseitiger Fehlinterpretationen hat zweifellos seinen Nutzen, weil es die Partner im Bündnis dazu befähigt, unbefangen über ihre eigentlichen Gegensätze zu sprechen. Den transatlantischen Groll, den de Gaulle mit seiner Pressekonferenz vom Januar und der von ihm über England verhängten Kontinentalsperre wachgerufen hatte, ist wieder verflogen; Nüchternheit triumphiert.

Allerdings macht sich jetzt der Unterschied der Gewichte fühlbar. Die amerikanische Regierung verfolgt die in Nassau mit den Engländern entwickelten Pläne folgerichtig weiter und bäumt nicht jedesmal nervös auf, wenn de Gaulle hüstelt. Die Amerikaner nehmen die Franzosen wieder ungefragt beim Wort vertraglicher Verpflichtungen und wollen ihnen die Verantwortung für einen offenen Bruch gegebener Zusicherungen zuschieben. Am deutlichsten wird dies an den Plänen für eine multinationale NATO-Atom-Streitmacht, die nach Paragraph 6 des Nassauer Abkommens aus den vorhandenen Nuklear-Verbänden der Bündnispartner entstehen soll.

Die USA werden ihr drei Polaris-Unterseeboote unterstellen, die Engländer bringen die Atombomber der Royal Air Force ein, und der gesamte Verband kommt unter das Kommando von SACEUR, des atlantischen Oberbefehlshabers in Europa. Ferner sollen alle zur Bekämpfung strategischer Ziele geeigneten europäischen Trägersysteme für Atomwaffen, insbesondere Starfighter-Geschwader oder kurze Mittelstreckenraketen, die bereits der NATO unterstehen, in diese Atomstreitmacht eingegliedert werden, die nun nicht mehr „multinational“ genannt wird, sondern „interalliiert“ – was dem französischen Bedürfnis nach einem lockeren, aus national-souveränen Elementen zusammengesetzten Verband begrifflich Rechnung trägt.