Ein Institut für Werbepsychologie hat eine sogenannte Repräsentativerhebung durchgeführt, deren Ergebnisse einen Einblick in die Vorstellung des deutschen Bundesbürgers über die Verbreitung einzelner Sportarten in verschiedenen Ländern vermitteln soll. Zwölf Sportarten und zwölf Länder wurden ausgewählt.

Bei den Sportarten fehlt allerdings die Leichtathletik, die doch in der ganzen Welt heimisch ist, während der Handball berücksichtigt wurde, der außerhalb Europas nur noch in Japan verbreitet ist und deshalb auch nicht zu den olympischen Disziplinen zählt. Auch der Wortlaut der Umfrage scheint nicht klar genug. „Welche der hier aufgeführten Sportarten ist Ihrer Meinung nach am weitesten verbreitet in Deutschland, Schweden, USA, Rußland, Brasilien, Japan usw.“ Was bedeutet „verbreitet“? Die Zahl der Aktiven oder die der Anhänger? Organisierte Aktive oder auch nicht organisierte?

Trotzdem bleibt das Ergebnis interessant genug. Es zeigt, wie von der Höhe der Spitzenleistung, nach dem Beispiel der Pyramide, auf eine breite Basis geschlossen wird.

In Japan zum Beispiel rangieren die „Turner“ – die Bezeichnung Geräte- oder Kunstturner wäre unmißverständlicher gewesen – an erster Stelle vor den Ringern. Tatsächlich wird das Geräteturnen in Nippon von relativ wenigen, jedoch mit unglaublicher Intensität betrieben. An der Spitze, rechnet man die Zahl der Aktiven, würde in Japan Judo mit rund fünf Millionen Sportlern stehen. Aber auch hier ist es nicht so einfach, etwa den Schulsport vom Vereinssport abzugrenzen. Daß Ringen im Land der aufgehenden Sonne auf Platz 2 steht, dürfte mit der Kenntnis des Sumo, des altjapanischen Ringkampfes, zusammenhängen. Aber die Zahl der Sumo-Berufsringer ist klein, sie beträgt nur etwa 200. An den Universitäten sieht man auch Studenten, die sich dem traditionellen Sumo verschreiben, aber es ist nur ein Häuflein gegenüber dem Heer der Judokas.

Auch in der Sowjetunion wähnt der Bundesbürger Turner zahlenmäßig an der Spitze. Weit gefehlt! Dort sind es die Volleyballspieler und Leichtathleten, wobei allerdings an den angegebenen Millionen-Zahlen Zweifel erlaubt sind, da offensichtlich dabei auch Schul- und Gesundheitssportler mitgerechnet werden.

In Kanada wurde Eishockey, in Frankreich der Radsport, in Polen Boxen, in Schweden und Finnland der Skisport und in den USA Rugby (gemeint ist American Football) an die erste Stelle gesetzt. Deutschland, Brasilien, England und Italien werden als Nationen bezeichnet, in denen der König Fußball regiert. Zählt man aber die Aktiven in den Vereinen und jene, die unorganisiert dem Fußball huldigen, so ist sein Herrschaftsbereich viel größer und erstreckt sich über ganz Europa und Lateinamerika. Der Deutsche Fußballbund hat über zwei Millionen Mitglieder, darunter dürften gut eine dreiviertel Million aktiv sein. An zweiter Stelle steht der Turnerbund, der sich aber nicht nur aus Geräteturnern rekrutiert.

Das Ergebnis der Umfrage zeigt, daß der repräsentative Durchschnitt der Bevölkerung sich in seiner Urteilsbildung nicht anders verhält als viele der neunmalklugen Intellektuellen, die genau so oberflächlich nur die „Massenmedien“ heranziehen. In Presse, Fernsehen und Rundfunk wird zwar sehr oft über jene Sportarten berichtet, die das Publikum anziehen und manchmal nur wenig Aktive haben, aber nur selten über jene, die wenig Zuschauer, aber viele Aktive haben. So kommen die Fehlbeurteilungen des Sports zustande. A. M.