Sind die Vertriebenenverbände für alle Fragen der Ostpolitik in der Bundesrepublik die letzte Instanz? Daß sich manche ihrer Führer in dieser Rolle gefallen, zeigt der Protest, den das Präsidium des Bundes der Vertriebenen und die Landsmannschaft Schlesien dem Norddeutschen Rundfunk ins Haus schickten. Warum? Bloß weil das NDR-Fernsehen die ehemaligen Bewohner der Stadt Breslau um Angaben für einen Dokumentar-Bericht gebeten hatten. Sie sollten mitteilen, wann und wo sie und ihre Kinder geboren sind, wie lange sie in Breslau gewohnt haben und ob sie einer Vertriebenenorganisation angehören. Eine harmlose Untersuchung – sollte man meinen.

Die Vertriebenenverbände waren indes anderer Ansicht. Das Präsidium begründete seinen Protest gegen die Umfrage mit dem Argument, derlei Themen seien wiederholt oberflächlich behandelt worden: außerdem seien gröbliche Mißgriffe vorgekommen. Und die Landsmannschaft Schlesien forderte die Breslauer auf, jede Auskunft zu verweigern. In ihrer Erklärung war die Rede, von der Sorge, „daß hier von inkompetenten Reportern in unverantwortlicher Weise Politik zum Nachteil des deutschen Rechtsstandpunktes betrieben werden könnte.“

Nun wird es niemand den Vertriebenen verdenken, daß sie diesen Rechtsstandpunkt mit allem Nachdruck vertreten. Nicht in ihrer Kompetenz liegt es aber, jegliche Diskussion über das Thema abzuwürgen. Im letzten Jahr schon hat der niedersächsische Vertriebenenminister Schellhaus, der auch jetzt die Erklärung der schlesischen Landsmanschaft unterzeichnete, die Forderung aufgestellt, jede Verzichterklärung sollte als Landesverrat mit Gefängnis oder Zuchthaus bestraft werden. Nun wird dem Rundfunk sogar das Recht bestritten, einen Dokumentarbericht anzufertigen. Nach dem Motto: Was richtig ist, wissen nur wir allein.

Im übrigen: Der Versuch, den Breslauern den Mund zu verschließen, weckt nur den Verdacht, daß viele Vertriebene keineswegs in allen Punkten mit den offiziellen Erklärungen der Landsmannschaft einverstanden sind. R. Z.