Von Friedrich Kessler

Mit einiger Übertreibung behauptet man in England, vergleichende Warentests gehörten ebenso zur Revolution der Verbraucher wie die Nationalisierung zur industriellen Revolution. Es stimmt, daß wohl in keinem hochentwickelten Land der Durchschnittsverbraucher so unwissend und vor dem Gesetz so schutzlos war wie bis vor kurzem der englische, der sich immer noch nicht ganz von der Mentalität des sellers’ market befreit hat.

Die konservative Regierung, grundsätzlich am freien Wettbewerb festhaltend, hat mit herannahenden Wahlen ein feineres Ohr für Mißbrauche und Auswüchse bekommen und im Vorjahr eine umfangreiche Verbraucherschutzgesetzgebung angekündigt. Im vergangenen Sommer hat sie die Errichtung eines Verbraucherrats beschlossen, diesen aber bis zum heutigen Tag nicht ins Leben gerufen. Die in Aussicht genommenen Persönlichkeiten und wohl auch die Regierung selbst scheinen sich weder über den Aufgabenkreis noch den Zweck einer solchen hochamtlichen Körperschaft ganz im klaren zu sein. Aber die nach einem fair deal für die Verbraucher strebende Bewegung wächst, und zwar gerade in der bei Wahlen wichtigen denkenden Mittelklasse; sie findet bei der Regierung ein Echo aus der durch das EWG-Fiasko noch geschärften Erkenntnis, daß ein wählerischer Inlandsmarkt ein gutes Training für den Wettbewerb im Ausland ist.

Während dieser offizielle Umdenkungsprozeß im Schneckentempo vor sich geht, hat sich die Selbsthilfeaktion der Verbraucher rapid entwickelt. Es stand kein Verband dahinter, sondern nur ein ad hoc als Consumers’ Association gebildeter kleiner Kreis. Privatinitiative, aber kein auf Privatgewinn berechnetes Geschäftsunternehmen, das die fast gleichzeitig im Jahr 1957 gegründete Organisation „Consumers Advisory Council“ (wegen Verbindung mit dem Britischen Normenverband, British Standards Institution, als halbamtlich verdächtigt) weit überflügelt hat; in beiden Fällen spielen Frauen die tragenden Rollen.

Die inzwischen ja auch in der Bundesrepublik ausprobierte zugrunde liegende Idee ist bekannt: die Qualität der verschiedenen Marken eines bestimmten Artikels – das ganze Verfahren ist nur in einem hochentwickelten Markenartikelmarkt anwendbar – wird unter Bezugnahme auf den Preis unbeeinflußt und genau geprüft, und das Ergebnis wird mit ausführlicher „Urteilsbegründung“ den Mitgliedern bekanntgegeben. Consumers’ Association hat laut dem letzten und wahrscheinlich schon wieder überholten Jahresbericht 323 000 Mitglieder, die kein Stimmrecht haben, sondern faktisch nur Abonnenten der von dem Verband herausgegebenen Monatszeitschrift „Which?“ sind, in welcher die Untersuchungsergebnisse veröffentlicht werden. Die Subskriptionsgebühr beträgt 1 Pfund oder etwa 11,35 DM jährlich. (Die Zeitschrift „Shoppers’ Guide“ des Consumers. Advisory Council hat eine Auflage von über 40 000.) Die tatsächliche Leserschaft von „Which?“ wird auf zweieinhalb bis drei Millionen geschätzt. Da die Arbeitermassen nur wenig erfaßt sind, ist die Verbreitungsdichte unter den mittleren Einkommensgruppen, bzw. unter jenen Lehrer- oder Beamtenfamilien, deren Einkommen das gut bezahlter Facharbeiter nicht übersteigt, um so stärker.

In jeder Nummer wird über etwa fünf Waren oder Dienstleistungen (von Bandaufnahmegeräten und Tellerwaschmaschinen bis zu Zündhölzern, Kinderlexika und Lebensversicherungen) berichtet. Dabei werden. Gutachten über 50 bis 70 mit Namen genannte Firmenerzeugnisse abgegeben. Diese Gutachten sind, wie aus der Bezeichnung „Vergleichstests“ hervorgeht, keine absoluten, sondern formell wenigstens nur relative Werturteile: Welches von den untersuchten Fernsehmodellen oder Teppichmarken ist der „beste Kauf“ und warum? Manchmal wird auch das rangniedrigste Produkt ganz offen gekennzeichnet. Das System erinnert etwas an die Klassifikation in englischen Schulen, in welchen nicht so sehr Noten von „vorzüglich bis nicht genügend“ den Rang bestimmen, sondern ob man von den 30 Schülern in der Klasse der erste bis dreißigste ist.

Die Consumers’ Association, welche nur den Mitgliedern und nicht der Gesamtheit der Verbraucher dienen will, wird von einem ehrenamtlichen zwölfgliedrigen Vorstand geleitet, dessen Mitglieder auch keine sonstige geschäftliche Tätigkeit ausüben dürfen, um das persönliche Desinteressement zu sichern. Ausgeführt werden die Aufträge von einem festangestellten qualifizierten Personal.