FÜR alle, die das Gefühl gewonnen haben, russische Dichter weniger zu kennen, als gut wäre – Vsevolod Setschkareff: „Geschichte der russischen Literatur“; Verlag Philipp Reclam jun., Stuttgart; 194 S., 3,80 DM.

SIE ENTHÄLT eine Darstellung der Literatur von der frühesten, der byzantinisch-kirchenslawischen Periode (der Kiewer Zeit, der Zeit des Tatarenjochs und der Moskauer Zeit) bis zur Zeit nach der Oktober-Revolution, einschließlich der Literatur der Emigranten.

SIE GEFÄLLT, weil sie die Möglichkeit bietet, dem bei uns neuerdings schnell (und vielfach zufällig) entfachten Interesse an der russischen Literatur für wenig Geld einen festen Boden zu geben. Was gerade in den letzten Jahren und Monaten durch politische Aktionen, Skandalaffären in der Sowjetunion, durch Parteikongresse, Kreml-Diskussionen oder Besuche junger Lyriker in Westeuropa sichtbar wurde, kann dank Setschkareffs (ohne Vorkenntnisse lesbarem) Leitfaden nun historisch rückwärts verfolgt und besonders auf die traditionelle Komponente überprüft werden. Setschkareff, früher Ordinarius für Slawistik in Hamburg und seit ein paar Jahren in Amerika, zeigt sich spröde gegenüber der neuesten Entwicklung, dem geistigen Aufbruch seit Stalins Tod. Sein Verhältnis zur Lyrik ist unsicher (mit Lermontow, dem größten Dichter des 19. Jahrhunderts, weiß er nicht viel anzufangen). Aber was der Verfasser im übrigen, etwa über den Roman des 19. und 20. Jahrhunderts, zu sagen hat, gründet sich auf exzellente Kenntnisse der Literatur, der politischen Geschichte wie der Geistesgeschichte. R. D.