Die Legende vom bankerotten Varieté

Artistik mit neuem Make up

Die Macht der Show

Von Corinna Schnabel

Ein Artist bangt um seine Existenz. Jean Hoppe – schon mit drei Jahren kleinstes Handstandwunder der Welt, Besitzer und Dressurvater von zehn Pudeln, zwanzig Tauben und drei Schimpansen – muß seine Nummer auflösen. Die dressierten Tiere werden verkauft oder ins Tierheim gebracht: Mit dieser Meldung vom 28. Februar hatte die „Hamburger Morgenpost“ dem Gemüt vieler ihrer Leser arg zugesetzt; schrieb sie doch, Tiernummern seien heute im Varieté nicht mehr gefragt. Der Unterhalt sei zu teuer – die Gage zu klein. Jean Hoppe habe nicht ein einziges Engagement mehr in Aussicht.

Und mitleidsvoll fragte man sich: Abtritt von der Bühne, Kapitulation vor dem Publikumsgeschmack: sollte das das Los des Artisten heute sein?

Ach, meine Taube fühlt sich am allerwohlsten, wenn sie auf meinem Kopf sitzen darf.“ Die Rednerin streicht sich vorsichtig über ihre Hochfrisur, der man den geflügelten Gast kaum ansieht. „Es war ja zuerst ein bißchen unangenehm so bei der Hausarbeit, aber man gewöhnt sich daran. Außerdem gurrt sie so hübsch.“ Sie habe gut reden, wendet sogleich eine Zunftgenossin ein. Was sie beträfe, so habe sie ihrem Mann von vornherein gesagt, daß ein Schimpanse einfach nicht zu ihnen passe. „Immer diese Spiegeläfferei – und immer in meinen Pullovern! Aber was läßt sich schon dagegen machen, der Affe ist das eben so gewöhnt.“