Infrarot-Kamera verwandelt Wärme in Licht Diagnose mit Thermogrammen

Von Thomas v. Randow

In bunteren, kontrastreicheren Farben, nahezu ohne Schatten und bei Nacht so hell wie am Tage würde uns die Welt erscheinen, wenn unsere Augen statt des sichtbaren Lichtes infrarote Wellen sehen könnten. Diese unsichtbaren Strahlen, die im elektromagnetischen Spektrum ihren Platz zwischen dem roten Licht und den Radiowellen haben, werden von jedem Gegenstand, dessen Temperatur über dem absoluten Nullpunkt (minus 273 Grad) liegt, ausgesandt, also nicht nur reflektiert, wie in den meisten Fällen das Licht.

Freilich bemerken wir die infraroten Wellen, falls sie genügend stark auf uns eindringen, als Wärmestrahlen. Aber unsere Tastnerven sind nur ein sehr grobes Detektorsystem, dem feine Intensitäts- und schon gar Frequenzunterschiede entgehen. Dabei ist der Bereich, den die infraroten Strahlen in der Skala der elektromagnetischen Wellen einnehmen, einige hundertmal breiter als das optische Spektrum; die Mannigfaltigkeit der möglichen Frequenzmischungen, der „Farbtöne“, ist also erheblich größer, und tatsächlich treten in diesem unsichtbaren Licht die Dinge viel differenzierter in „Erscheinung“.

Von dieser Tatsache haben zunächst die Chemiker Gebrauch gemacht, die feine Unterschiede in der molekularen Zusammensetzung von Stoffen an deren infrarotem Spektrum erkennen. Aber auch die Technik ist schon seit einem halben Jahrhundert bemüht, dieses großzügige Informationsangebot der Natur zu nutzen.

Infrarote Wellen lassen sich wie optische Lichtwellen spiegeln, mit Linsen bündeln und mit Prismen oder Beugungsgittern in Spektren zerlegen. Eine Infrarot-Kamera zu bauen, ist daher nicht schwer; problematisch ist es hingegen, einen Film für diese Kamera zu finden, eine Projektionsfläche, auf der die Wärmeunterschiede in Lichtschattierungen umgewandelt werden – etwa so, wie sich Röntgenstrahlen auf einer Photoplatte fixieren lassen. Die Herstellung solcher Umwandler hat vor allem in jüngster Zeit große Fortschritte, gemacht. Allerdings findet ein erheblicher Teil dieser Entwicklungsarbeit hinter verschlossenen Türen statt, denn auf keinem Gebiet gibt es so viele Anwendungen der Infrarot-Photographie wie auf dem militärischen.

Für die Infrarot-Kamera sind bei Nacht nicht alle Katzen grau, sondern weiß, und ebenso erscheint der Gegner, der sich im Schutz der Dunkelheit wähnt, als helle Figur auf schwarzem Hintergrund. Blätter geben, solange sie noch am Baum sind, infrarote Strahlung ab zum Schutz gegen Hitzeeinwirkung von außen. Sie sind daher auf dem Infrarot-Bild als helle Flecken zu erkennen. Hingegen strahlen die Blätter an abgeschnittenen Zweigen kaum noch, und der Feind, der sie zur Tarnung seiner Raketenbasen oder Geschütze benutzt, wird von der Infrarot-Kamera schnell entlarvt: Deutlich sind die weißen Umrisse der Menschen, Geschützrohre und Maschinenteile auf dem Bild von der getarnten Stellung erkennbar, weil sie stärker strahlen. Infrarot gesehen leuchten sie durch tarnendes Gestrüpp hindurch. Ein großer Teil der Aufklärung über Kuba wurde von amerikanischen Fliegern während der Nacht aus über 10 000 Meter Höhe mit Infrarot-Kameras gemacht.