Selten trifft man heute noch auf einen Künstler, der etwas vom „Künder“ an sich hat, wie es ursprünglich im Wesen der Kunst lag. Der Mitteilungsstil unseres Zeitalters ist der Tatsachenbericht, der sich mit der Feststellung der Wirklichkeit begnügt und die Ausdeutung oder gar die Nutzanwendung dem Leser oder dem Betrachter überläßt. Es könnte gefragt werden, ob es dazu der Kunst und des Künstlers überhaupt bedarf, ob die menschliche Gesellschaft nicht vielmehr den „Deuter“ erwarten und verlangen dürfe. Wozu kann es dienen, die Wirklichkeiten lediglich zu schildern, abzubilden, ohne ihnen einen helfenden Gedanken dazuzugeben.

Auch das surrealistische Blindekuhspiel überhöht ja die Tatsachen nicht, gibt ihnen nichts Klärendes hinzu, sondern macht sie, im Gegenteil, nur unkenntlich und überläßt dem Leser die undankbare Mühe, hinter einen Sinn zu kommen, der am Ende auch wieder bloß „Feststellung“ darbietet. Darum stimmt es nicht, wenn man einen Autor, der eher noch als Symbolist zu kennzeichnen wäre, mit dem Modetitel eines „Surrealisten“ belegt. Die Technik des Symbolisten besteht ja darin: daß er das Tatsächliche zum Gleichnis erhebt. Aber der Autor, von dem hier die Rede ist, geht weiter. Was er anbietet, sind schon keine Gleichnisse mehr, sondern komprimierte Realitäten: derart zusammengepreßte, verdichtete Wahrheiten, daß sie die Kraft besitzen, den Leser jeweils blitzartig zu „erleuchten“, ihn „sehend“ zu machen. Und da langt der Dichter von heute endlich wieder beim „Wahrsager“ an.

Ich spreche von dem großen italienischen Erzähler, dessen exzeptionelle Bedeutung vielleicht noch nicht allgemein erkannt wurde. Ein neues Bändchen von ihm mag Anlaß geben, das Urteil über ihn zu revidieren –

Dino Buzzati: „Die Lektion des Jahres 1980“, neue Erzählungen, aus dem Italienischen von Ingrid Parigi; Hans Deutsch Verlag, Wien/Stuttgart/Basel; 173 S., 12,50 DM.

Mehr oder weniger läuft jede komprimierte Wahrheitskündung dieser Art auf „Lektion“ hinaus: „Lesung“ gleich „Lehre“, Belehrung. Es sind freilich überwiegend sehr harte Lektionen, die da erteilt werden, und es zeigt sich wieder einmal, daß die phantasiereichsten Dichter die größten Desillusionisten sind – eben, weil sie schärfer und richtiger „sehen“ als andre. Die meisten dieser viermal zwanzig Geschichten haben höchst aktuelle Sachverhalte, Meinungen, Denkweisen und Lebensarten zum Gegenstand. Und sie zeigen in entwaffnend drastischer Weise das daraus sich ergebende Weltbild im meistens hoffnungslosen – Allgemeinen wie im skurrilen Detail. Daß dieses Weltbild überwiegend lähmend pessimistisch aussieht, wird auch demjenigen Leser nicht entgehen, der sich gern nur dem Vergnügen an der düsteren Komik der Schilderung überlassen möchte.

Für den künstlerischen Rang des Schriftstellers spricht allein schon seine Fähigkeit, Problemkomplexe, zu deren Durchleuchtung ein psychologischer oder soziologischer „Fachmann“ viele Kapitel benötigen würde, auf ein paar Seiten nach allen Richtungen hin zu verlebendigen und obendrein noch aufzulösen. Wieviel gesunder Menschenverstand diktiert dieser unredseligen Feder und prägt ihre knappen Formulierungen!

Es gibt unter den Kurzgeschichten solche, deren Phantastik so einleuchtende Wahrscheinlichkeiten anzielt, daß man sich wundert, nicht selbst sehen darauf gekommen zu sein. Ich meine damit etwa „Die Geheimwaffe“, den „Kongreß“, den „Streik des Bösen“ oder „Die Abrüstung“. Andere wieder setzen freilich das Vermögen und die Bereitschaft voraus, im scheinbaren bloßen Spiel der Phantasie sozusagen die Arbeitshypothese zu erkennen, von der ausgehend eine durchdringende Vorausschau mutmaßlicher Entwicklungen von recht „wirklicher“ Tragweite ermöglicht wird.