In Amerika werden die Sportstars an den Universitäten „gezüchtet“

Von Jean C. Arby

In den USA hat die Leichtathletiksaison mit erstaunlichen Leistungen begonnen. Ein 20jähriger, Henry Paul, lief 200 m und 220 Yards (201,17 m) auf Kurvenbahn in 20,3 Sekunden. Er übertraf damit den bisherigen Weltrekord um zwei Zehntel Sekunden. Stabhochspringer John Pennel übertrumpfte, gleichfalls in Kalifornien, den berühmten Finnen Pentti Nikula und überquerte im Stabhochsprung die Rekordhöhe von 4,952 m im Freien. Zu den Panamerikanischen Spielen vom 20. April bis 5. Mai entsenden die USA die stärkste Sportmannschaft, die jemals außerhalb des Landes startete. Wie kommt es, daß die USA schon seit Jahren über eine derart große Zahl von Spitzensportlern verfügen?

Im amerikanischen Sportsystem geht nur selten eine Begabung verloren. Jeder junge Mensch findet zu dem Sport, in dem er das Höchste an persönlicher Leistung aus sich herausholen kann. Deshalb können die Amerikaner in olympischen Jahren immer wieder aus einem schier unversiegbaren Reservoir von Spitzenkönnern schöpfen. Nicht zahlenmäßig begrenzte und aus freiwilligem Zusammenschluß entstandene Gruppe, nicht Sportvereine, wie in Europa, tragen auf dem neuen Kontinent den Leistungssport. Die Gesamtheit der Jugend wird mehr als irgendwo anders an den Sport herangeführt und, unbeschadet der sozialen Herkunft- und der wirtschaftlichen Lage des Elternhauses, steht ihr der Aufstieg von den Grundschulen zum College und zur Universität offen. Die sportliche Machtstellung der Amerikaner ist in Wirklichkeit die Konsequenz eines wahrhaft demokratischen Erziehungswesens.

Hinzu kommt, daß die Sportbegeisterung im amerikanischen Volke ungeheuer ist. Das darf man sagen, auch wenn man kein Freund von Superlativen ist. Lauf, Sprung und Wurf bilden neben den typischen, auf Schnelligkeit und Härte aufgebauten Kampfspielen wie Football und Baseball die Basis des Schulsports. Der Sportlehrer ist dem wissenschaftlichen Erzieher gleichgestellt. Oft bezieht er sogar ein höheres Salär. Deshalb findet man an den Grund- und Highschools so ausgezeichnete Trainer. Der amerikanische Junge ist körperlich und technisch für Spitzenleistungen vorbereitet, wenn er ins Wettkampfalter tritt. Er bringt auch aus seiner Umwelt jene seelische Gelöstheit mit, die heute Voraussetzung für besondere sportliche Leistungen ist.

Das US-System der Sporterziehung ist so gestaltet, daß jeder Junge eine seinem Alter angemessene Entwicklung nimmt und nicht frühzeitig „ausbrennt“. Erst wenn er zwei Jahre am Undergraduate College hinter sich hat, mit 19 bis 20 Jahren also, ist ihm die Teilnahme an Wettkämpfen und die Spezialisierung gestattet. Ausnahmen bilden nur körperlich schon voll ausgereifte, besonders begabte Athleten. Bei der Mehrzahl der amerikanischen Studenten entlädt sich dann eine während fünfzehn Jahren vernünftig gelenkten Jugendsportes aufgespeicherte Energie. Daher die unerhörte körperliche und seelische Explosiv- und Kampfkraft der amerikanischen Athleten, die im Ausland so oft verblüfft.

Und noch ein Umstand fördert die sportliche Höchstleistung: Der soziale Aufstieg, so lautet das Credo in den USA, wird allein durch die persönliche Tüchtigkeit des Menschen bestimmt. Und diese Maxime gilt auch für den Sport. Die sportliche Betätigung des Amerikaners aber ballt sich – und es gibt nur wenige Ausnahmen – in der Zeit zwischen dem 20. und dem 25. Lebensjahr zusammen. In diese Spanne legt der amerikanische Sportler alles hinein. Dann, nach diesen fünf Jahren, macht er, oft auf der Höhe seines Ruhmes stehend, abrupt Schluß und tritt ab.