Von Kurt Simon

Gegenüber den St.-Pauli-Landungsbrücken – auf dem ehemals berühmtesten Schiffebaugelände in Steinwerder – wird möglicherweise der neue Panzer der Bundeswehr gebaut werden. Der Großindustrielle Harald Quartett will die in Konkurs geratene Schlieker-Werft für die Panzerproduktion freimachen. Der Hamburger Senat dürfte kaum einen finanzkräftigeren Interessenten für diesen Schlieker-Nachlaß finden. Falls das Verteidigungsministerium zustimmt und Quandt vor den anderen Bewerbern den Auftrag erhält, stehen dem Vorhaben keine ernsthaften Schwierigkeiten mehr entgegen.

Mit dem bevorstehenden Bau der Kampf- und Schützenpanzer eigener Konstruktion beginnt endgültig eine neue Phase der deutschen Wiederbewaffnung: die Produktion von schweren Waffen und „hartem“ Gerät durch die westdeutsche Wirtschaft. Die Eigenproduktion von Kanonen, Panzern, Zerstörern, U-Booten, Flugzeugen und Raketen gehörte bislang nicht zur Bonner Beschaffungspraxis. Grundsätzlich sollten im Inland keine Produktionsstätten für solche Waffen aufgebaut werden, die man voraussichtlich in einigen Jahren infolge des technischen Fortschritts nicht mehr benötigt. Waffen und schwere Geräte, die bei den Verbündeten gekauft werden konnten, ohne daß dort neue Kapazitäten errichtet werden mußten, sind denn auch in den letzten Jahren in einem solchen Ausmaß importiert worden, daß die Rüstung – produktionsmäßig gesehen – fast „geräuschlos“ vor sich ging. Die Vergabe von Auslandsaufträgen erschien volkswirtschaftlich vernünftiger, als die Ankurbelung einer eigenen Rüstungsindustrie in einer vollbeschäftigten Wirtschaft.

Zu Beginn der Wiederaufrüstung waren sich alle Verantwortlichen darin einig, daß der Aufbau einer autarken deutschen Rüstungsindustrie weder aus politischen noch aus technischen und wirtschaftlichen Gründen empfehlenswert sei. Ohne die großzügige Überlassung amerikanischen Kriegsmaterials wäre es in der Tat unmöglich gewesen, die Bundeswehr in diesem Tempo aufzubauen. Natürlich ergab sich dadurch von vornherein ein enges Verhältnis zu den amerikanischen Rüstungsfirmen, die Ersatzteile und verbesserte Neukonstruktionen der vertrauten Waffen und Geräte prompt liefern konnten.

In den letzten Jahren waren die deutschen Aufträge in den USA und in Großbritannien auch als Devisenbringer hochwillkommen. So wurde in den ersten Aufbaujahren für die Bundeswehr mehr im Ausland als innerhalb der deutschen Grenzen eingekauft; das Verhältnis dieser Beschaffungen lag etwa bei 60 zu 40. Schon vor einigen Jahren hat sich diese Relation jedoch umgekehrt, und jetzt sieht es so aus, als ob nur noch ein Viertel des gesamten Bundeswehrbedarfs im Ausland gedeckt wird – und zwar einschließlich der Gemeinschaftsproduktionen;

Die zunehmende personelle Stärke der Bundeswehr sorgte quasi von selbst für einen stets wachsenden „laufenden“ Bedarf an Verpflegung, Bekleidung und persönlicher Ausrüstung, der von vornherein im Inland gedeckt werden sollte. Für die Verpflegung eines Bataillons werden jährlich fast 500 000 DM ausgegeben. Der Unterhalt von 100 000 Soldaten kostet heute alles in allem rund 2 Mrd. DM. Für eine 500 000 Mann starke Bundeswehr müßten also allein hierfür 10 Mrd. DM jährlich bereitgestellt werden.

So gut es ging, berücksichtigten das Verteidigungsministerium und das Koblenzer Beschaffungsamt bei der Deckung dieses laufenden Bedarfs die gegebene konjunkturelle Situation. So sind z. B. 95 % aller Textilaufträge an 1007 deutsche Firmen vergeben worden. Für 1963 wurden Textilaufträge im Werte von 400 Mill. DM vergeben – 80 Mill. DM mehr als im Vorjahr. Auch im Kraftfahrzeugprogramm werden ausschließlich deutsche Firmen berücksichtigt. Nach einigen Typenbereinigungen beschränkt sich der Kraftfahrzeugpark der Bundeswehr heute auf fünf Größenklassen: