Hollandia, im April

Der einzige Papua-Politiker, den ich nach langem Suchen noch in Hollandia fand, wollte mir zunächst nicht in seinem eigenen Hause Rede und Antwort stehen. Er fürchtete, unser Gespräch könne abgehört werden und begann erst zu reden, nachdem Sicherheitsmaßnahmen wie bei einer Verschwörung getroffen waren. „Sie sind wahrscheinlich der letzte“, sagte der Papua-Führer, „der der Welt eine Botschaft der freien Papuas ausrichten kann, denn wenn unser Land nach dem 1. Mai der indonesischen Verwaltung unterstellt sein wird, wird man die Stimme der Papua-Patrioten wohl nur noch in den Gefängnissen hören.“

Die Angehörigen der Papua-Nationalbewegung, die gegen den Anschluß West-Neuguineas an Indonesien und für einen selbständigen Papua-Staat eingetreten sind, haben den indonesischen Terror bereits kennengelernt. Als die ehemaligen holländischen Kolonialherren den von ihnen verwalteten Teil der zweitgrößten Insel der Welt im Oktober vergangenen Jahres einer Treuhandregierung der Vereinten Nationen unterstellen mußten, zogen gleichzeitig mit den UN-Beamten auch jene indonesischen Fallschirmjäger in Hollandia ein, die in den Monaten zuvor zu Kommando-Unternehmungen gegen die Holländer über Neuguinea abgesprungen waren. Wo diese Soldaten eines Papua-Nationalisten habhaft werden konnten, setzte es Prügel, und bevor noch die zur Unterstützung der UNTEA-Regierung (United Nations Temporary Executive Authority) abkommandierten pakistanischen UN-Truppen Ruhe und Ordnung wiederherstellten, waren die Papua-Führer so eingeschüchtert worden, daß sie entweder außer Landes gingen oder sich versteckten.

Die Holländer hatten die Übergabe West-Neuguineas, dieses letzten Teiles ihres Kolonialbesitzes in Insulinde, an Indonesien 13 Jahre lang unter Berufung auf das Selbstbestimmungsrecht der Papuas verweigert. Als sie im vergangenen Jahr schließlich doch zugunsten Indonesiens verzichteten, da unterschrieben sie den Vertrag erst, nachdem einer der Paragraphen den Papuas zusicherte, daß sie vor Ende 1969 in einer Volksabstimmung über ihr weiteres Schicksal selber entscheiden können.

Mein Gesprächspartner in Hollandia war davon überzeugt, daß seinen Landsleuten bei dieser Abstimmung keine andere Wahl als die Bestätigung des vollzogenen Anschlusses an Indonesien gelassen wird. Das wissen im Grunde auch die Holländer, und die Volksabstimmungs-Klausel in dem Übergabe-Vertrag ist genausosehr ein frommer Selbstbetrug, wie es ihre ganze Schutzpolitik für die Papuas in den vergangenen 13 Jahren gewesen ist. Die Holländer mußten wissen, daß die 800 000 Eingeborenen in West-Neuguinea, die in ihrer überwiegenden Mehrheit noch in der Steinzeit leben – viele als Kopfjäger und einige gar als Kannibalen –, trotz der großzügigsten Entwicklungshilfe noch für lange Zeit nicht in der Lage gewesen wären, einen politisch und wirtschaftlich lebensfähigen unabhängigen Staat zu schaffen und zu verwalten.

Ein politisches Bewußtsein gibt es nur bei einer verschwindend kleinen Minderheit der Papua-Bevölkerung West-Neuguineas; die Berufung auf ihr Selbstbestimmungsrecht war von Anfang an eine Fiktion. Bis 1949 haben sich die holländischen Kolonialherren selber um die Papuas weniger gekümmert als die Anthropologen, und alle nennenswerte Entwicklungsarbeit auf dieser riesigen Tropeninsel südlich vom Äquator wurde bis vor kurzem von den christlichen Missionen geleistet.

Erst nach dem Verlust Indonesiens begannen sich die Holländer aktiv für Neuguinea zu interessieren. Sicher stand als Motiv hinter diesen Programm zum Teil der ehrliche Wille, die jahrhundertelange Vernachlässigung der Papuas wiedergutzumachen. Aber zum größeren Teil war der Entschluß, an West-Neuguinea festzuhalten, nichts anderes als eine politische Trotzreaktion auf die ständigen Herausforderungen des indonesischen Präsidenten Sukarno.