Von Alexander Kaempfe

Diesmal sind die Tauwetterfrösche nicht umsonst ihr Leiterchen – hinaufgekrabbelt: Alexander Solshenizyn ist nicht der soundsovielte Dudinzew, sondern ein großer Künstler. Der Wettlauf der Verlage nach einem KZ-Roman galt dem Thema. Doch der Autor, der den Polarfrösten widerstand, wird noch manchen Klimawechsel überleben – nebst dessen Niederschlag in unseren Wettermeldungen und Modeberichten.

Halten wir uns trotzdem zunächst an den Gegenstand. Nirgends wurde er besser getroffen. Und ich bezweifle, ob das Lagerthema jemals gerechter und präziser behandelt werden kann. Rußland wird noch lange an Workuta denken, es aber fortan stets mit Solshenizyns Augen sehen. Ähnlich wie es vor hundert Jahren mit Dostojewskijs „Totenhaus“ geschah, wird zwar der Autor, nicht aber mehr das Thema wachsen.

Im Zentrum steht Iwan Denissowitsch Schuchow, der 1942 für kurze Zeit hinter die deutschen Linien geriet und daraufhin, als er sich wieder zur Truppe durchgeschlagen hatte, zu Zwangsarbeit verurteilt wurde. Der Tag, an dem wir ihn erleben, fällt ins Jahr 1951. Stalin hat nicht mehr lange zu leben, aber kurz vor der Götzendämmerung ist die Lagernacht am dunkelsten. Schuchow sitzt fast ein Jahrzehnt. Er reagiert als Veteran.

Schuchow ist ein einfacher Mann, ein Bauer. Er ist naiv, aber aufmerksam und weltklug; gerissen – aber brüderlich. Er lebt in einem archaischen Märchenkosmos: Gott zerschlägt jeden Monat den Mond und verstreut die Krümel über den Himmel, damit sie die Plätze der heruntergefallenen Sternschnuppen einnehmen. An die Kirche und ans Jenseits glaubt Schuchow nicht. Aber er betet – und sein Gebet wird erhört.

An jenem Wintertag passiert nichts besonders Grausiges. Der Tag ist eher ruhig und in Schuchows abendlicher Sicht sogar erfolgreich. Für Iwan Denissowitsch ist er eine Folge gelungener Mikro-Absurditäten, zumeist physiologischer Art. Seine Mithäftlinge schneiden weniger gut ab. Überdies wird angedeutet, daß an anderen Tagen auch das ganz Schlimme geschieht. Das banal Böse als Wirklichkeit, das extrem Böse als Drohung – diese Struktur ist erschreckender als die entgegengesetzte.

Wird nicht doch einiges verharmlost? Bestimmt nicht der Stumpfsinn der Gebräuche oder die Herzlosigkeit der Bewacher und Betreuer. Dafür vielleicht die Rolle der Kriminellen, die es hier angeblich kaum gibt. (Aber es wird erwähnt, daß sie in einem anderen Lager, wo Schuchow vorher saß, viel mächtiger waren.)