Von Ingrid Neumann

Die Dividende ist bei uns keine Weltanschauung, sondern eine Frage der Ertragsrechnung, erklärte Vorstandsvorsitzender Dr. Willy Ochel von der Hoesch AG in Dortmund. Hoesch hat für 1961/62 (30. Sept.) in der Hauptversammlung am 10. Mai eine Dividendensenkung um 2 auf 10 % zu vertreten. Mit der Dividendensolidarität der westdeutschen Montangesellschaften haben die in dieser Bilanzsaison veröffentlichten Abschlüsse deutlich aufgeräumt. Auch mit der Meinung, daß die Montanaktien schon sehr eng in die Nachbarschaft der „Festverzinslichen“ gerückt waren. Mit der schwierigeren Lage am Stahlmarkt ist das Ertragsbild der einzelnen Werke differenzierter geworden; daß sich diese Unterschiede nunmehr auch in den Dividenden zeigen, ist nichts weniger als folgerichtig.

Für Hoesch war das vergangene Geschäftsjahr, wie es in der Pressekonferenz hieß, besonders anstrengend. Die 10 % seien alles, was Hoesch sich leisten konnte; sie sind andererseits aber, wie ausdrücklich betont wird, voll verdient worden. Für die innere Stärkung blieb dem Unternehmen bei dieser Ausschüttung kein Raum. Aber dieser Verzicht wurde zweifellos erleichtert durch die offenbar gut begründeten Hoffnungen auf ein besseres Jahr 1962/63.

Tatsächlich liegt die Hoesch AG in den ersten Monaten des neuen Jahres erheblich besser als im Berichtszeitraum, vor allem aber auch besser als das Gros der Ruhrkonzerne. Umsatz und Produktion sind angestiegen, die Auftragseingänge werden als zufriedenstellend bezeichnet. Im gesamten Unternehmensbereich sind beachtliche Produktionssteigerungen zu verzeichnen: Die Kohlenförderung stieg um 3,5 %, die Rohstahlerzeugung um 7,6 % und die Walzstahlproduktion (einschließlich Lohnwalzungen) um 7,9 % gegenüber dem Vergleichszeitraum des Berichtsjahres. Mit einer Auslastung der vorhandenen Rohstahlkapazität von 90 % liegt Hoesch weit über dem Durchschnitt der Ruhr. Der Umsatz liegt um 4 % über der Vorjahresziffer. Vor allem aber dürfte das bisherige Ergebnis des laufenden Jahres wesentlich besser gewesen sein. Das bedeutet indessen nicht, daß sich die Marktlage entscheidend gewandelt. hätte. Die Erlöse am Walzstahlmarkt – im Berichtsjahr hatte Hoesch einen durchschnittlichen Erlösrückgang von 30 DM/t Absatz hinzunehmen – sind nach wie vor schlecht. Aber was der Hoesch-Gruppe jetzt den Vorsprung sichert, sind die sich abzeichnenden Erfolge der betrieblichen Rationalisierung und der Investionspolitik des Unternehmens.

In der Pressekonferenz betonte Vorstandsvorsitzender Ochel, die Hoesch AG habe im Berichtsjahr besondere Anstrengungen auf sich genommen, um auf einen schweren Konkurrenzkampf vorbereitet zu sein. Das ist gleichzeitig auch der Grund dafür, daß Hoesch trotz einer noch vergleichsweise günstigen Umsatz- und Produktionsentwicklung weniger gut abgeschnitten hat als andere Montankonzerne. Zwar sind die reinen Investitionsaufwendungen (im Konsolidierungsbereich) im abgelaufenen Geschäftsjahr bereits auf 186,8 nach 342,2 Mill. DM zurückgegangen; aber das Anlaufen der beiden Großprojekte – Kältwalzwerk und Sinteranlage – war mit zusätzlichen Kosten verbunden. „So was geht nicht immer reibungslos“, betonte Dr. Ochel, aber insbesondere das Kaltwalzwerk könne schon heute als „ein guter Wurf“ bezeichnet werden. Auch die neue Sinteranlage trägt ihre Früchte: Zwar hat der radikale Abbau der vorhandenen Erzbestände – um „reinen Tisch zu haben“ – das Ergebnis des Berichtsjahres zunächst noch belastet, aber andererseits konnten die Roheisenkosten im ersten Halbjahr 1962/63 bereits nicht unwesentlich gesenkt werden. Sie liegen, wie in Dortmund versichert wurde, unter dem Ruhrdurchschnitt. Daß Hoesch frühzeitig den Weg überbetrieblicher Zusammenarbeit beschritten hat, macht sich ebenfalls jetzt bezahlt. Die Breitbandstraße des Unternehmens kann, nicht zuletzt auf Grund der Lohnwalzgeschäfte für Mannesmann, kostengünstig ausgelastet werden.

Aber die Pluspunkte beschränken sich nicht nur auf die Stahlseite des Konzerns. Auch für die Kohle sieht es bei Hoesch nicht schlecht aus. Greifbare Rationalisierungserfolge schlagen sich vor allem in der Entwicklung der Schichtleistung nieder, die im Berichtsjahr auf 2452 (2248) kg gestiegen ist und Ende März sogar 2800 kg – das ist beträchtlich mehr, als der Durchschnitt im Revier – erreicht hat. Allerdings seien alle Produktivitätsfortschritte im Bergbau – so erklärte Vorstandsmitglied Schulte-Borberg – stets von den Steigerungen auf den Lohn- und Gehaltskonten wieder aufgezehrt worden. Im Berichtsjahr haben die Hoesch-Zechen wiederum nicht zum Ergebnis beigetragen, allerdings ist die Konzernkasse auch nicht von ihnen belastet worden. Bei verdienten Abschreibungen von 4,15 DM je t Förderung war der Bergbau dieser Gesellschaft immerhin „aus dem Schneider“. Eine markante Entwicklung illustriert die Anstrengungen, die hier gemacht wurden, um die Bedeutung der Kohle innerhalb der Konzernbilanz zurückzuschrauben: Der Anteil des Bergbaus am arbeitenden Kapital der Hoesch AG ist in den vergangenen vier Jahren systematisch von 40 auf 30 % zurückgegangen.

Die einzelnen Unternehmenszweige waren mit folgenden Quoten am Ergebnis des vergangenen Geschäftsjahres beteiligt: Bergbau und Westfalenhütte mit 60,4 (64,2) % – diesen Anteil stellte also, da der Bergbau ohne Ergebnis blieb, ausschließlich die Hütte –, Verarbeitung mit 30,7 % und Handel mit 8,9 (3,9) %. Das eindeutige Schwergewicht der Hoesch-Gruppe liegt danach wieder beim Hüttenwerk, in der Stahlerzeugung also, allerdings mit einem – der Investitionspolitik der Dortmunder Verwaltung entsprechenden – zunehmend wichtiger werdenden Gegengewicht in den ersten Stufen der Stahlverarbeitung.