In den zurückliegenden Ausgaben der ZEIT haben wir uns, meine verehrten Leser, ausführlich mit den Abschlüssen der drei Großbanken auseinandergesetzt. Sie werden mit mir zu dem Schluß gekommen sein, daß bei allen drei Instituten Aussichten für eine Beendigung des Gewinnschwundes vorhanden sind – einen „normalen“ Ablauf des Jahres 1963 vorausgesetzt. Die drei großen IG-Farben-Nachfolger (EASF, Bayer und Farbwerke Hoechst) haben das Ziel, die Ertragsstabilität wiederherzustellen, bereits im Geschäftsjahr 1962 erreicht. Obgleich dank der ausgezeichneten Zwischenberichterstattung dieser Unternehmen dem Aktionär die Geschäftslage in großen Zügen bekannt war, stellte die Bekanntgabe der erfolgreichen Abschlußzahlen eine echte Überraschung dar. Diese hat wesentlich zu der Frühjahrsbelebung auf dem Aktienmarkt sowie zur jüngsten Aufwärtsbewegung der Kurse beigetragen.

Seit ihrer Entflechtung aus dem alten IG-Farben-Konzern marschieren die Badische Anilin- & Soda-Fabrik AG, Ludwigshafen, die Farbenfabriken Bayer AG, Leverkusen, und die Farbwerke Hoechst AG vormals Meister Lucius & Brüning Frankfurt/Main-Höchst, im Dividendengleichschritt. Für die Geschäftsjahre 1960, 1961 und 1962 betrugen die Ausschüttungen jeweils 18 %, ein Satz, der sich sehen lassen kann, der aber etwas an Glanz verliert, wenn man die hohen Rücklagen der Unternehmen betrachtet, die ja ebenfalls „Eigentum der Aktionäre“ sind, für die jedoch keine Verzinsung erforderlich ist. Bei allen drei Unternehmen gibt es keine Großaktionäre. Damit besitzen die Vorstände ein Höchstmaß an unternehmerischer Entscheidungsfreiheit. Mit einer nennenswerten Opposition brauchen sie nicht zu rechnen.

Nun haben auch die Aktionäre wirklich keinen Grund, mit „ihren“ Gesellschaften unzufrieden zu sein. Natürlich gibt es über Einzelentscheidungen stets Meinungsverschiedenheiten. Am sichtbarsten wurden sie in den letzten Jahren, wenn es um die Festlegung der Ausgabekurse für junge Aktien ging. Kleinaktionäre haben es nun einmal lieber, junge Aktien zum Kurs von 100 % zu beziehen, als darauf ein mehr oder weniger hohes Aufgeld zahlen zu müssen. Andererseits hatten die Gesellschaften in den zurückliegenden Aufbaujahren noch keine „Geschenke“ an ihre Aktionäre zu verteilen. Sie brauchten jeden Pfennig, um die immensen Investitionen finanzieren zu können. Aus diesem Blickwinkel heraus müssen auch die hohen Dividendensätze betrachtet werden. Sie sorgten an der Börse für Aktienkurse, die hohe Ausgabepreise für junge Aktien erst zuließen.

Daß die in der zurückliegenden Zeit betriebene Politik richtig war, beweisen die jetzt vorgelegten Abschlüsse für 1962. In diesem konjunkturell einigermaßen heiklen Jahr ist es den Gesellschaften nicht nur gelungen, ihre Umsätze weiter auszuweiten, sondern daneben auch noch die Gewinne anzuheben. Und dies trotz steigender Personalkosten und trotz harter ausländischer Konkurrenz. Die Farben-Nachfolger scheinen die Folgen der DM-Aufwertung nunmehr überwunden 211 haben. Die Börse wurde aber nicht nur durch die Abschlußzahlen des Jahres 1962 beflügelt, ebenso sehr noch durch die günstigen Prognosen für das laufende Jahr. Und dies, obwohl die Chemie gerade neue Lohnzugeständnisse machen mußte. Anscheinend glaubt man, diese durch zunehmende Rationalisierungsgewinne verkraften zu können. Hier zeigt sich der Vorteil der größeren Kapitalintensivität bei gleichzeitiger Zurückdrängung des Personalkostenfaktors. Die Aktionäre ernten den Lohn dafür, daß sie den Unternehmen, in den letzten Jahren erhebliche Beträge zur Verfügung gestellt haben.

Aber sehen wir uns jetzt die Zahlen der Gesellschaften im einzelnen an. Dazu soll zunächst unser Frankfurter Mitarbeiter Waldemar Ringleb das Wort haben. Er berichtet über die BASF:

„Bei der BASF haben sich 1962 die Umsatzerlöse (ohne Tochtergesellschaften) von 2,26 auf 2,41 Mrd. DM, d. h. um etwa 4 %, erhöht. Der Rohertrag ist stärker, nämlich um 7 %, gestiegen. Beim Jahresüberschuß sieht es noch besser aus. Er wuchs von 152 Mill. auf 184 Mill., also um etwa 20 %. Dieses günstige Ergebnis erlaubt es, die Rücklagenzuweisungen von 12,7 Mill. auf 40,7 Mill. zu erhöhen. Daneben sind auch die stillen Reserven weiter aufgestockt worden.

Die Modernisierungsinvestitionen wirken sich jetzt voll aus. Im vergangenen Jahr ist die Gesamtzahl der Mitarbeiter bei der BASF erstmalig nach dem Krieg um 3,6 % zurückgegangen. Auch in den vorangegangenen Jahren haben Rationalisierungen zur Freistellung von Arbeitskräften geführt.