Bonn nach der Nominierung Ludwig Erhards

Die Würfel sind gefallen. Nach den langen Jahren der qualvollen Auseinandersetzung um die Nachfolge Konrad Adenauers, die in den letzten Wochen alle Züge einer Entscheidungsneurose annahm, hat sich die CDU/CSU zu einem Entschluß durchgerungen: Ludwig Erhard, der Bundeswirtschaftsminister, ist ihr nominierter Kanzlerkandidat. Die Partei hat damit am Ende doch noch bewiesen, daß sie kämpfen kann. Und indem sie sich gegen Konrad Adenauer durchsetzte, hat sie auch gezeigt, daß sie mündig geworden ist.

Das Ende der Nachfolgekrise ist in der Bundesrepublik mit einem Seufzer der Erleichterung aufgenommen worden, in den sich höchstens die Furcht mischte, die Ereignisse dieser Woche könnten vielleicht noch nicht der letzte Akt des Dramas gewesen sein. In der Regierungspartei selber, besonders in ihren unteren Rängen, hat die Nominierung Erhards neue Hoffnung geweckt. Allzulange hatte die CDU darunter gelitten, daß die Energie der Führungsspitze durch den Streit um die Nachfolge völlig absorbiert war. Und wenn sich auch niemand von Erhards Kandidatur für die Mai-Wahlen in Niedersachsen ein Wunder erhoffen darf – in der CDU herrscht doch das Gefühl vor, nun sei endlich ein Durchbruch gelungen.

Denn nicht allein die Tatsache der Nominierung ist bedeutsam. Wichtiger noch für die Zukunft ist, wie sie zustande kam. Alle Versuche, das Nachfolge-Problem von oben zu lösen durch Kabinettskünste und Geheimdiplomatie, alle Bemühungen, im kleinen Kreis mit dem Bundeskanzler einen Kompromiß auszuhandeln und ihn dann der Fraktion zur nachträglichen Billigung vorzulegen, sind kläglich gescheitert. Das Parteivolk hat der Führung seinen Willen aufgezwungen; und es wollte Ludwig Erhard, den populären Minister, der 1965 der CDU noch einmal den Wahlsieg bringen soll – wenn das überhaupt möglich ist.

Der Kanzler hatte bis zum Schluß keinen Zweifel daran gelassen, daß Erhard, der „Wirtschaftsmann“, nicht der Kandidat seiner Wahl ist; und er hat manche Mine springen lassen, um diese Kandidatur zu verhindern. Aber er kämpfte diesmal auf verlorenem Posten. Der Patriarch der CDU mußte erleben, daß sein Wort nicht mehr Gesetz war für seine Partei – ja, daß sie ungeniert Vorbereitungen trifft, ihn aufs Altenteil zu setzen.

Die letzten Jahre des Kanzlers erinnern an Jonathan Swifts Erzählung von Gulliver unter den Liliputanern. Auch Adenauer, ein Mann von einsamer Größe auf der Bonner Szene, ist gefesselt worden, politisch außer Gefecht gesetzt. Aber im Gegensatz zu Gulliver geschah ihm dies nicht im Schlaf. Er mußte, weil er nicht mehr stark genug war, es zu verhindern, die Demütigung sehenden Auges und mit Groll im Herzen hinnehmen. Die erste Fessel war die Kanzlerschaft auf Zeit. Dann konnte er, der die Außenpolitik der Bundesrepublik jahrelang unbestritten geführt hatte, es auch nicht verhindern, daß seine Bewegungsfreiheit auf diesem Felde eingeschränkt wurde: Der deutsch-französische Vertrag, konzipiert als die politische Willenserklärung zweier souveräner Staatschefs, wurde durch eine Präambel dem Willen der Parlamentsmehrheit angepaßt. Und in dieser Woche ist die letzte wichtige Prärogative, die der Kanzler kraft seiner Autorität an sich gerissen hatte, im Ansturm seiner eigenen Partei zerbrochen: das Vorrecht, seinen Nachfolger selber zu bestimmen. Die innerparteiliche Demokratie hat über das System der patriarchalischen Herrschaft gesiegt.

Zur Selbständigkeit gestoßen