Von H. D. Cremer

In der Vorstellung der westlichen Länder bedeutet Entwicklungshilfe vor allem Hilfe beim Aufbau gewerblicher und Industrieller Einrichtungen zurückgebliebenen Ländern. Man weiß zwar auch bei uns, daß in jenen Regionen die primitivsten Bedürfnisse, nämlich die Ernährung, noch meist im argen liegt – und doch geht man nur ungern an die Lösung dieses Problems. Die Verhältnisse werden sich ja, mit dem allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwung, schon ändern – so meint man bei uns etwas optimistisch. Oder dann argumentiert man ganz fatalistisch: Gegen den Hunger kann mit wirtschaftlichen Mitteln kaum etwas ausgerichtet werden. Professor H. D. Cremer, Direktor des Instituts für Ernährungswissenschaft der Justus-Liebig-Universität Gießen, hat sich im Auftrag der Internationalen Landwirtschaftsorganisation (FAO) mit den Versorgungsproblemen in Entwicklungsländern vertraut gemacht. Seiner Meinung nach ist die primäre Aufgabe jeder Entwicklungshilfe immer noch der Kampf gegen den Hunger. Leider ist festzustellen, daß viele Hilfsaktionen des Westens diesen Gesichtspunkt nicht oder nur ungenügend berücksichtigen und damit die Phase des Übergangs zu einer verbesserten Wohlstandslage in den Entwicklungsländern manchmal noch belasten.

Wir wissen, daß mindestens die Hälfte der Menschheit nicht vollwertig ernährt ist oder gar Hunger leidet und daß dieser Teil der Weltbevölkerung nahezu identisch ist mit dem, der in den sogenannten Entwicklungsländern lebt. Wenn wir uns darüber klar sind, daß ausreichende und richtig zusammengesetzte Ernährung eine der Hauptvoraussetzungen für Gesundheit und Schaffenskraft ist, daß ein unzureichend ernährter Körper weder ausreichende Leistungsfähigkeit noch überhaupt volle Leistungsbereitschaft zeigen kann, ergibt sich zwangsläufig, welche Bedeutung eine Verbesserung der Ernährungslage für das Wirksamwerden aller Maßnahmen zur Entwicklungshilfe hat.

Der Vielgestaltigkeit der Ursachen der Unterernährung – Mangel an Kalorien oder an Eiweiß, an einem oder mehreren Vitaminen oder Mineralstoffen – entspricht die Vielfalt der Mittel und Wege zu ihrer Behebung; sie müssen den geographischen, klimatischen, kultischen, soziologischen und wirtschaftlichen Faktoren Rechnung tragen. Infolgedessen gibt es auch nicht eine Patentlösung für die Verbesserung des Ernährungszustandes allgemein in Entwicklungsländern, etwa Hebung der landwirtschaftlichen Produktion oder Hebung des wirtschaftlichen Niveaus – wie es auch heute noch von einseitig orientierten, oft trotzdem maßgebenden Seiten behauptet wird. Nur ein auf ausgiebigem Studium der Verhältnisse beruhendes Zusammenwirken von Fachleuten aus verschiedenen Gebieten, aus Wirtschaft und Technik, aus Landwirtschaft und Ernährung, aus Veterinärmedizin und Humanmedizin kam Aussicht für ein erfolgreiches Handeln bieten.

Eine der Hauptschwierigkeiten, ohne deren Behebung keine Entwicklungshilfe in Afrika betrieben werden kann, ist das Fehlen solcher Fachleute. Zwar haben die Kolonialmächte, in Westafrika noch mehr als in Ostafrika, schon seit Jahren einer gewissen geistigen Elite eine Fachausbildung, zumeist in Europa, zuteil werden lassen. Die Zahl der so Ausgebildeten ist aber doch recht gering und deckt nur einen Bruchteil des Bedarfs. Leistungsfähige Ausbildungsstätten in afrikanischen Ländern selbst bestehen erst kurze Zeit, weitere sind im Aufbau, aber auch hier werden noch nicht entfernt so viele Fachleute verfügbar, wie sie zur Hebung des Lebensstandards und insbesondere im Zuge der zunehmenden „Afrikanisierung“, d. h. des Ersatzes europäischer Fachleute durch Afrikaner, notwendig wären. Förderung von Ausbildung und Erziehung ist hier daher ein grundlegendes Problem der Entwicklungshilfe.

Es ist eine völlige Verkennung der Tatsachen und Notwendigkeiten, wenn kürzlich in einer deutschen Fachzeitschrift behauptet wurde, der einzig erkennbare Weg zu einer schnellen Lösung des Welternährungsproblems liege in der raschen Zunahme der Agrarerzeugung unter Verzicht auf Selbstversorgung im Bereich der einzelnen Erzeuger wie auch der Erzeugerländer.

Eine solche Forderung mag für hoch entwickelte Länder mit leistungsfähigen Handels- und Transportwegen berechtigt sein. Bestimmt nicht realisierbar ist sie für viele Entwicklungsländer. Denn dort, wo wie in afrikanischen Entwicklungsländern weder entsprechende Planungen möglich noch die notwendigen Fachleute verfügbar sind, wo auch keine Möglichkeiten für einen ausreichenden Transport vom Produktions- zum Verbrauchsort besteht, ist die Behauptung, die einzig erkennbare Abhilfe liege in einer Förderung der Produktion unter Verzicht auf Selbstversorgung, eine Illusion. Erfahrungen, die in einer mehrjährigen Tätigkeit bei der Ernährungs- und Landwirtschafts-Organisation der Vereinigten Nationen (F. A. O.) und bei Reisen nach Ländern in Ost- und Südafrika, gewonnen wurden, sollen diese Behauptung belegen.