Von Walter Widmer

Man weiß: der Laie staunt, der Fachmann schmunzelt. Der Kenner aber steht turmhoch über Staunen und Schmunzeln. Er weiß Bescheid, er ist beschlagen und versiert, er ist in dem Sattel gerecht, auf dem er sitzt, kurz, er beherrscht „die respektive Materie“.

Gewissermaßen der Superlativ des Kenners ist der Connaisseur. Höher geht’s nimmer.

Fremdwörter strahlen ja eine eigene Aura aus; sie adeln die Begriffe, heben sie auf eine höhere Ebene. Der Anthropophag ist quasi der Gourmand unter den Menschenfressern; er weiß zwischen zart und zäh zu unterscheiden, er frißt nicht einfach, was ihm vor die Gabel kommt.

Desgleichen der Connaisseur. Er sichtet und urteilt, er trifft eine Wahl und keineswegs die erstbeste. Kaviar ist ihm nicht Kaviar schlechthin, Fischrogen, die sich Russen und feine Deutsche auf Toast schmieren. Er unterscheidet zwischen irischem und schottischem Whisky, und Alter, Herkunft, Marke und Preis sind ihm wesentlich zu seinem Genuß.

Diesen schwer zu befriedigenden Connaisseur spricht ein Band Geschichten an – Die römische Eins hinter dem Titel weist darauf hin, daß alljährlich ein solcher Sammelband erscheinen soll, eine Art Almanach oder Jahrbuch für anspruchsvolle Leser, ein Hebelsches Schatzkästlein für literarische Feinschmecker.

Die Herausgeberin verwahrt sich im Vorwort ausdrücklich dagegen, daß sie eine Anthologie „bester“ Erzählungen habe zusammenstellen wollen. Das Zweitbeste eines Schriftstellers sei manchmal charakteristischer als das Beste und führe zu einem besseren Verstehen des Verfassers. Also keine Beschränkung auf ein Thema, auf einen Verfasser oder einen, Zeitraum. Die Auswahl erfolgte vielmehr nach dem Gesichtspunkt des „menschlichen Interesses“, eines menschlichen Interesses besonderer Art: „Es ist das Wesen des Menschen in extremen Situationen oder in Krisen – ein Thema, für das die Kurzgeschichte sich ganz besonders eignet.“ Außerdem sollen die Vielfalt, die unbegrenzten Möglichkeiten der Kurzgeschichte demonstriert werden.