Washington‚ im April

Auf dem Fernsehschirm sprach der amerikanische Justizminister Robert Kennedy am vergangenen Sonntag ein großes Wort gelassen aus: Die exilkubanischen Gruppen in den USA sollten sich einigen, mit einer Stimme sprechen und sich durch eine einzige Führung vertreten lassen. Nur dann könnten sie Erörterungen von Bedeutung mit der amerikanischen Regierung und mit anderen, ihrer Sache zugetanen Regierungen führen.

Drei Tage vor dieser Aufforderung des Justizministers hatte der bisherige Chef der exilkubanischen Vereinigungen, Miro Cardona, ebenfalls im Fernsehen mit tränenerstickter Stimme seinen Rücktritt vom Vorsitz des kubanischen Revolutionsrates erklärt und seinen Vorwurf wiederholt: Präsident Kennedy habe das Versprechen zu einer neuen Invasion Kubas und die gewaltsame Beseitigung Fidel Castros durch militärische Mittel gebrochen. Mit Miro Cardona legte die Mehrheit der Mitglieder des Revolutionsrates ihre Posten, nieder. Damit wurde nicht nur das einzige Organ funktionsunfähig, das von der Hand des State Department behutsam gesteuert – als Sammelbecken der politisch aktiven kubanischen Emigranten dienen sollte. Es brach auch eine Illusion zusammen, von der seit der Beilegung der großen Oktober-Krise um Kuba klar war, daß sie nicht mehr lange Bestand haben konnte.

Als sich die Sowjetunion auf Kuba festsetzte, war die Auseinandersetzung der Washingtoner Regierung mit dem prophetisch-schwärmerischen Diktator der Zuckerinsel, bis dahin ein Hausstreit in der westlichen Hemisphäre, mit einem Mal in den größeren Bereich des kalten Krieges gerückt. Kuba wurde zwischen den beiden Großmächten ein Objekt, in dem sich zeitweilig ihr ganzer Machtgegensatz wie in einem Brennglas konzentrierte.

Kennedy setzte den Abzug der sowjetischen Raketen durch, jedoch konnte er ein völliges Desinteresse Moskaus an Kuba nicht erzwingen. Zwar will er es noch Schritt für Schritt erreichen, durch beharrlichen diplomatischen Druck, der zum Abtransport der noch auf der Insel verbliebenen zwölftausend sowjetischen Soldaten führen soll, auch durch immer wirksamere wirtschaftliche und politische Isolierung Castros, der an Einfluß unter den landhungrigen Massen Südamerikas eingebüßt hat, seitdem sichtbar geworden ist, daß die Sowjetunion ihn als bloßes Werkzeug weitergespannter Pläne verwendete. Aber in diesem noch andauernden Spiel konnte Kennedy die amerikanische Kuba-Politik nicht zum Spielball von Fanatikern oder abenteuerlichen Freiheitskämpfern werden lassen. Noch immer birgt Kuba ein Kriegsrisiko in sich, und Washington ist nicht gewillt, sich dieses Risiko von der Führerschaft der Exilkubaner wieder aufzwingen zu lassen.

Die Folge ist allerdings, daß die amerikanische Regierung diejenigen desavouieren muß, denen Kennedy selber zu Weihnachten 1962 in überschwenglichem Gefühlsausbruch – bei der Rückkehr der aus der Gefangenschaft Castros entlassenen, gegen hohes Lösegeld freigekauften Soldaten der kubanischen Brigade – versprochen hatte: „Eure Fahne wird einst über einem freien Havanna wehen.“

Das war zu Weihnachten. Die exilkubanischen Aktionsgruppen wie Alpha 66, Studentenorganisationen und Brigadeangehörige nahmen das allzu wörtlich als ein Signal zum Handeln. Ihre von den Küsten Floridas und der Karibischen Inseln mehr waghalsig als militärisch oder politisch sinnvoll eingeleiteten Kleinkriegsunternehmen – Beschießung sowjetischer Frachter, Überfälle auf sowjetische Militärlager in Kuba und Scharmützel mit Castros Miliz – verschärften sofort die sowjetisch-amerikanischen Reibungen und verminderten die Aussichten auf einen Abzug der Sowjettruppen, den Kennedy erreichen muß, will er nicht als nachträglicher Verlierer in der Kuba-Krise dastehen.