Bonn, im April

Die Entscheidung über Adenauers Nachfolger stand schon fest, ehe die Parteigremien am Montag und Dienstag zusammentraten. Die Mehrheit der CDU/CSU wollte eine weitere Verzögerung der Nachfolgefrage nicht mehr hinnehmen. Strittig war im Grunde nur noch, ob der Nachfolger sofort benannt werden sollte oder erst nach der für Freitag anberaumten Sitzung des Parteivorstandes.

Zwei Vorgänge in der Sitzung des Fraktionsvorstandes am Montagnachmittag scheinen maßgeblich zur Beschleunigung der Entscheidung beigetragen zu haben. Einmal teilte der Geschäftsführende Parteivorsitzende Dufhues mit, daß fast alle befragten Parteiinstanzen eine sofortige Lösung verlangten und auch der Bundespräsident der Meinung sei, eine weitere Verzögerung der Nachfolgeregelung könne im Staatsinteresse nicht mehr verantwortet werden. Zum anderen aber forcierte der Bundeskanzler selber – freilich wider Willen – die Entscheidung. Von zahlreichen Gegenrednern bedrängt, versuchte er, mit dem Hinweis auf die Fraktionssitzung des nächsten Tages Zeit zu gewinnen. Aber gerade damit weckte er das Mißtrauen. Die Mehrheit des Fraktionsvorstandes befürchtete weitere Verzögerungsmanöver und entschloß sich zu raschem Handeln. Sie schlug der Fraktion vor, am nächsten Tag Ludwig Erhard als Nachfolger des Bundeskanzlers zu nominieren.

Dufhues hatte am Montagvormittag mehrere Gespräche geführt: mit dem Bundespräsidenten, mit Krone und mit Gerstenmaier. Die Front der Widersacher Adenauers war geschlossen. Eine geschickte Regie, die vom Zufall unterstützt worden sein mochte, trug dazu bei, die Gegner des Kanzlers in ihrer Entschlossenheit zu bestärken. Es kamen Nachrichten, die den Bericht Dufhues’ über die sorgenvolle und gereizte Stimmung der Parteiverbände bestätigten.

Adenauer scheint die Situation noch zu Beginn der Montagssitzung nicht mit dem Realismus beurteilt zu haben, der ihn früher auszeichnete. Noch immer glaubte er, es werde ihm abermals gelingen, seine Gegner zu entzweien und so das Blatt zu wenden. Aber allmählich spürte er doch, daß er die Situation nicht mehr souverän beherrschte. Die Mehrheit des Vorstandes – Brentano, Dufhues, Gerstenmaier und Schmücker an der Spitze – waren von ihrer Forderung, Erhard sofort als Nachfolger zu nominieren, nicht abzubringen. Der Kanzler setzte sich heftig zur Wehr und sprach Erhard aufs neue die Qualifikation für das Bundeskanzleramt ab. Aber er kämpfte nicht mit der alten Energie und Siegesgewißheit. Und je länger die Sitzung dauerte, desto stärker wurde dieser Eindruck. Die Gedanken der Vorstandsmitglieder aber waren mehr auf das Fußvolk draußen gerichtet, das um seine politische Existenz bangt, als auf den um seine Machtstellung kämpfenden Bundeskanzler. Die Furcht vor den murrenden Wählern war größer als die Angst vor dem alternden Parteichef.

Hätte es nicht die Wahlschlappen in Berlin und in Rheinland-Pfalz gegeben und stünde nicht in Niedersachsen eine neue Kraftprobe bevor, die CDU-Führung hätte die unteren Parteiinstanzen leichter beruhigen können. Aber die Nervosität wurde noch durch die Untersuchungsergebnisse der Demoskopen geschürt. Da Erhards Popularität in den März-Befragungen von 25 auf 40 Prozent gegenüber Februar gestiegen war, wuchsen auch seine Chancen in der Fraktion. Und auch die Presse beschleunigte den Lauf der Dinge. "Ihre Kollegen", sagte ein prominentes Mitglied des Fraktionsvorstandes einem Journalisten, "die den Kanzler zu den Interviews in Cadenabbia verleitet haben, trugen einiges dazu bei, daß die Entscheidung früher gefallen ist."

Bundesaußenminister Schröder scheint nicht mit einem so raschen Entschluß der Fraktion gerechnet zu haben. Ihm sagten das ganze Verfahren und der dafür gewählte Zeitpunkt nicht zu. Mit dieser Begründung lehnte er eine Kandidatur ab. Er hat freilich wohl noch andere Gründe. Auch er ist von Erhards Befähigung für das Amt des Regierungschefs nicht überzeugt, und er, der viel Jüngere, kann warten. Er weiß, daß es jeder, der in dieser Situation Adenauers Erbe antritt, sehr schwer haben wird, dem Vergleich mit dem Vorgänger standzuhalten.

Die Fraktionssitzung am Dienstag konnte nur noch die Bestätigung des Vorstandsbeschlusses bringen. Suesterhenn kämpfte noch einmal für die Nominierung eines zweiten Kandidaten, nämlich Schröder. Strauß focht geschickt für Erhard, mit dem er offensichtlich völlig d’accord ist. Der Bundeskanzler disqualifizierte seinen Nachfolger noch einmal in aller Schärfe, aber am Ende der Debatte gab es zwischen Adenauer und Erhard wieder eine jener Versöhnungsszenen, von denen man nicht weiß, wie lange sie fortwirken werden. Auch wenn Adenauer die Mehrheitsentscheidung der Fraktion respektieren muß, so bleibt es ihm doch unbenommen, einzelne Handlungen Erhards zu kritisieren. Das Abstimmungsergebnis – 159 Ja-Stimmen gegen 47 Nein-Stimmen bei 19 Enthaltungen – ist eindrucksvoll, wenn man den Widerstand Adenauers gegen die Kandidatur Erhards in Rechnung stellt. Berücksichtigt man jedoch, daß ein Gegenkandidat fehlte, so verliert dieses Ergebnis viel von seinem Glanz. Robert Strobel