Vom Fernkursus in die Arena

Man lernt nie aus. Seit Jahren glaubte ich, meine Mitbürger von London und Umgebung gründlich zu kennen. Aber schon eine kurze Abwesenheit hat genügt, um mich bei meiner Rückkehr neue Züge an ihnen entdecken zu lassen.

So ahnte ich bisher nichts von der stillen Sehnsucht vieler Spanienreisenden, sich als Matador zu versuchen. Ich kam auch nur zufällig darauf, als ich im Garten arbeitete und nebenan ein merkwürdiges Getrampel zur flotten Melodie eines Paso doble hörte. Ich blickte über den Zaun und entdeckte meinen Nachbarn: Sein Haupt schmückte ein Torerohut, in der Hand schwang er einen Degen, um den ein rotes Tuch wie eine Fahne gewickelt war. Ich kannte diesen Menschen bisher nur als einen äußerst zurückhaltenden Bankvorsteher, der dem steifen Hut und dem gerollten Regenschirm verpflichtet war. Jetzt aber stand er in der korrekten Haltung eines Stierkämpfers, kurz vor dem „Moment der Wahrheit“, und sah, ohne mit der Wimper zu zucken, auf den ihm entgegeneilenden Stier.

Allerdings bestand dieser Stier nur aus zwei gewaltigen Hörnern, befestigt an einem Brettergerüst auf einem Kinderwagen. In voller Karriere wuchtete sein halbwüchsiger Sohn mit dem Kinderwagen auf ihn zu. Schon schien es, als werde der Vater auf die Hörner gespießt, doch behende sprang er im letzten Moment zur Seite und rief: „Olé!“ Als die beiden mein erstauntes Gesicht sahen, winkten sie mir nur knapp zu und probierten eine neue Passage.

Später erklärte mir mein Nachbar, er nehme an einem Fernkursus für Stierkämpfer teil und habe natürlich gewisse Hausaufgaben zu absolvieren. Obwohl man in Amerika, in der Bundesrepublik und so auch in England die unmöglichsten Dinge in Fernkursen lernen kann wie zum Beispiel Lokomotivfahren, Bücher und Maschine schreiben, Zebrazucht und Stenographie, war mir der Stierkämpfer-Kursus gänzlich neu.

Der Prinzipal der Stierkämpferschule, den ich schließlich besuchte, trug lange Bartkoteletten und hohe Absätze an den Schuhen, wie es sich für einen Matador geziemt. Außerdem trank er Rotwein in der bewunderungswürdigen Manier, die Flasche weit vom Munde zu halten.

Seit dem Erscheinen von Hemingways Buch „Tod am Nachmittag“, meinte Mr. Pequeno-Small, interessierten sich die Engländer für den Stierkampf. Und da nun Spanien zum Ziel vieler englischer Ferienreisender geworden ist, sei das Interesse noch gestiegen. Auf meine Fragen antwortete der Torerolehrer, der theoretische Unterricht umfasse die gesamte Stierkampftechnik, die notwendige psychologische Einstellung und last not least das hohe Lied edelsten Kampfes auf Leben und Tod.