Von Dietrich strothmann

London, im April

Er ist eine Gestalt aus dem amerikanischen Legendenbuch: Er fing als Küchenjunge an und wurde Millionär, er kam in einemarmseligen Zimmer zur Welt und residiert heute in einem Palast. Seine Eltern waren einfache, fromme Menschen, Pioniere von altem Schrot und Korn; und er ist trotz seiner Millionen bescheiden und gottesfürchtig. Dabei ist Conrad Nicholson Hilton heute der unbestrittene Hotelkönig der Welt.

Im Alter von 75 Jahren fliegt er von einem Kontinent zum anderen, von einer Metropole in die nächste, um neue Mammuthotels einzuweihen. In der vergangenen Woche wurde mit allem Pomp das "London Hilton" eröffnet – mit Fanfaren und Harfen, mit einer New Yorker Schönheitskönigin und dem britischen Finanzminister, mit einem Wohltätigkeitsball und einer japanischen Ballettgruppe; ein paar Tage darauf war Athen an der Reihe. Und in den nächsten Monaten wird die Flagge Hiltons zum erstenmal auch in Hongkong, Rom, Rotterdam, Tokio und Honolulu gehißt.

"Travel the Hilton way!" lautet die Reklame-Devise des amerikanischen Hotelkönigs. Die Jahre haben ihm nichts von seinem Charme, seiner Grandezza und seinem Kreuzzugseifer genommen. Auch unter seinen britischen Party-Gästen, die er zur Eröffnung des Londoner Hilton geladen hatte, bewegte er sich, groß, schlank und kerzengerade, wie ein Grandseigneur. Das keep-smiling gelingt ihm so vollendet, wie das lässige Zitieren von Aussprüchen großer Manner, mit denen er seine Festansprachen zu spikden pflegt. Ihn störte es nicht, daß die Londoner nur geringes Gefallen a.: seinem Y-Förmigen Wolkenkratzer am Hyde Park finden und ihm grollen, weil er den "häßlichen Daumen" (wie der hundert Meter hohe Bau im Volksmund heißt) just in die Nähe des Buckingham Palace und der königlichen Gärten setzte.

"Connie" Hilton ist auf seine Weise stets mit. allen Kritikern und auch mit allen Neidern fertig geworden – mit smartem Selbstvertrauen und unbeugsamem Willen, seinen "großen Traum" auch in die Tat umzusetzen. Dabei half ihm sein praller Geldbeutel, sein jungenhafter Ehrgeiz, allen Menschen die "Kunst des Lebens" beizubringen – und nicht zuletzt sein unübertroffener know-how des Hotelgewerbes.

In seinem Reich geht die Sonne nicht unter: 67 Hotels, von der amerikanischen Westküste bis nach Australien, tragen seinen Namen, 43 000 Betten stehen für seine Gäste in allen Teilen der nicht-kommunistischen Welt bereit. Er ist Besitzer des berühmtesten Hotels, des Waldorf-Astoria in New York, und des größten Hotels, des Conrad Hilton and Palmer House in Chikago. Er baut für die Amerikaner, die nach Europa, in den Nahen Osten, nach Hawaii reisen und dort ihre Dollars ausgeben. "Wo Hilton ist, da kommen auch die Touristen", sagen seine Werbemanager. Und kaum eine Regierung, kaum ein Fremdenverkehrsverband zögert, sich solch "goldenem Wort" zu beugen; keiner versagt es Hilton, eines seiner monströsen Gästesilos mit ihrem stromlinienförmigen Luxus und luftgekühlten Komfort auch in ihrem Land, in ihrer Hauptstadt anzulegen.