An der Wiener Börse herrscht Enttäuschung darüber, daß die so oft und so feierlich in vielfacher Weise versprochene Förderung des Kapitalmarktes wiederum aufgeschoben wird und darüber hinaus sogar einige negative Zeichen erkennbar werden. Man hatte nach dem Mandatsgewinn der bürgerlichen Volkspartei bei den Parlamentswahlen vom 18. November 1962 zunächst Optimismus gezeigt, diese Zuversicht aber während der langen Zeit der Regierungsbildung wieder abgebaut und nun auf Grund des neuen Regierungsprogramms ganz aufgegeben. Dementsprechend stehen auch die Aktienkurse jetzt etwa dort, wo sie vor den Wahlen waren; zwei kleine Zwischenerholungen wurden rasch wieder abgebaut. Im Endeffekt liegen heute die Aktienkurse um etwa 25 % tiefer als Anfang 1962.

Lange Zeit wurde mit der baldigen Möglichkeit einer steuerneutralen Kapitalaufstockung aus Reserven gerechnet. Es ist jetzt sehr still geworden um diesen Plan und nicht anzunehmen, daß es bald dazu kommt. Es verstimmt weiter, daß im neuen Jahr die erste Hauptversammlung einer großen Aktiengesellschaft der gewerblichen Wirtschaft mit einer Herabsetzung der ohnehin nicht übermäßigen Dividende herauskommt; mag der Abbau auf 12 % Dividende gegenüber 13 % im Vorjahr bei der Schwechater Brauerei auch eine gewisse zweckpessimistische Note haben – denn der Bierausstoß hat eben einen neuen Rekord erreicht und die Investitionssumme ebenfalls – so verstimmt doch die Tendenz eines solchen Vorhabens.

Die Investitionen – werden in den Bilanzen für 1962 allgemein sehr hoch sein, aber die Substanzanreicherung wird die Aktionäre diesmal weniger beeindrucken, denn Investitionsrekorde beruhen derzeit auch auf der Besorgnis, die hohen steuerfreien Abschreibungen könnten demnächst wesentlich abgebaut werden. In diesem Zusammenhang ist auf die sogenannte Bewertungsfreiheit zu verweisen, wonach seit 1953 (mit einziger Ausnahme des Jahres 1956) für bewegliche Anlagegüter im Anschaffungsjahr bis 40 % und in sogenannten Notstandsgebieten bis 60 % abgeschrieben werden durften. Diese enorme Begünstigung war die Grundlage der gleichfalls ungewöhnlichen Ausmaße in der Selbstfinanzierung im letzten Jahrzehnt. Das betreffende Gesetz läuft in diesem Jahr aus und soll nun modifiziert, das heißt irgendwie reduziert verlängert werden.

Beträchtlich ist die Förderung in der Energiewirtschaft, wo durch ein Elektrizitätsförderungsgesetz 80 % des Gewinns steuerfrei bleiben und außerdem Bundesmittel von 150 Mill. Schilling im Jahr zur Verfügung gestellt werden; auch dieses Gesetz läuft Ende 1963 aus und dürfte aber wenig verändert verlängert werden.

Der Bund und die Energiewirtschaft sind zudem durch Steuervorteile für ihre Anleihen begünstigt, und hier werden, je nach Interessenlage, Reformen verlangt, insbesondere Begünstigungen auch für andere Emissionen und Sparformen. Bisher ist es jedenfalls gelungen, diese zwei Kreditnehmer allen anderen Bewerbern auf dem Kapitalmarkt voranzustellen. Neben 5 Mill. 4 1/2 prozentiger Dollaranleihe der Weltbank betrugen die Anleihenemissionen in Österreich im Jahr 1962 2,6 Mrd. An die vier Fünftel entfielen auf Bund und Energiewirtschaft. Sie wurden mit einer Ausnahme zu 70 % aufgenommen; erst zu Beginn 1963 versucht man es mit tieferverzinslichen Emissionen. Neben diesen Ansprüchen der öffentlichen Hand nehmen sich die von der Industrie 1962 ausgegebenen 6prozentigen Wandelanleihen im Gesamtbetrag von 327,5 Mill. und erst recht die Kapitalerhöhungen von Aktiengesellschaften um 45,5 Mill. Nennwert insgesamt wirklich bescheiden aus. Die Proportion ist aber insofern recht logisch, als ja der Gewinn der Aktiengesellschaft steuerlich hoch belastet und die Dividende beim Empfänger nochmals besteuert ist. Wenn man in der Zeit der Höchstkonjunktur und Börsenhausse die Folgen dieser Diskriminierung nicht überwinden konnte, wer wird jetzt bei andauernder Baisse oder Börsenstille Emissionen wagen? Die neue Regierung hat dazu eben durch die Erhöhung der Vermögenssteuer um 50 % der bisherigen Sätze die vielpropagierte Kapitalmarktförderung recht negativ begonnen.

Bedeutsam kann für die Börse ein anderes Moment werden. Die mit Rücksicht auf die Wahlen und die Regierungsbildung lange zurückgehaltenen Preiserhöhungen für Brot, Milch und Zucker sind jetzt erfolgt. Die Bauarbeiter melden massive Lohnwünsche an. Zusammen mit einem expansiven Budget 1963 zielen diese Tendenzen auf Geldwertverdünnung und der Index der Verbraucherpreise liegt schon jetzt um 4 % höher als im Jahr vorher. So können für den Aktienkauf durchaus wieder jene Argumente wirksam werden, die am andauerndsten und stärksten die Nachkriegshausse getragen haben. Daß die festverzinslichen Werte an der Wiener Börse sehr fest sind, steht nicht im Widerspruch zu dieser Tatsache, sondern hat einen besonderen Grund: Österreich stand mit 7 % Anleihezinsen jetzt schon lange Zeit an der Spitze des europäischen Zinsgefälles; die eben ausgegebene Hochwasserschädenfonds-Anleihe von 300 Mill. ist mit 6 1/2 % emittiert worden, was bei zehn Jahren Laufzeit auch nicht schlecht ist und die Frühjahrsanleihe des Bundes von wahrscheinlich 700 Mill. wird mit 6 3/4 % verzinst werden. J. B.