Visitenkarte mit Stadtplan – Die menschenunwürdigen Geishas – Zu Besuch in Tokio

Von Heinz Michaels

Es war natürlich Unsinn, aber unwillkürlich dachte ich erschrocken: „Ist das Tokio?“ Häßliche Gänge mit rauhem Betonfußboden, eine Halle mit einer quirlenden, schwatzenden Menschenmenge, überheizte Räume, die einem die Kehle ausdörrten – der Empfang in Haneda Hatte wenig gemein mit der Romantik der Butterfly, die uns in Europa verführerisch von lockenden Reiseplakaten zulächelt. Der Flughafen glich einem etwas vernachlässigten Vorortbahnhof am Wochenende.

Aber was hatte ich eigentlich erwartet? Ein Empfangsgebäude mit geschwungenen Tempeldächern? In Dharan hat ein japanischer Architekt so etwas in den arabischen Sand gebaut – eine Mischung von Moschee und Straßenbahndepot. Nein, Haneda ist eine heilsame Ernüchterung. So abgegriffen die Floskel sein mag: Japan ist eben ganz anders.

Wir waren mit der Lufthansa gekommen, mit der neuen Linie über München nach Tokio, die im Winter als dritte Verbindung in der Woche eingerichtet wurde. Knapp 24 Stunden waren wir unterwegs gewesen, am Südsaum des asiatischen Kontinents entlang, am Wege einen Hauch Arabiens, Indiens und Chinas verspürend, wenn unser Düsenflugzeug zu kurzer Rast hinuntertauchte aus eisigen Höhen. Im Flug der Sonne entgegen hatte sich die Zeit zusammengeschoben wie eine Teleskopstange. Es war Abend als wir landeten. Rush hour – die Stunde des Verkehrschaos.

Unser Omnibus schlug sich wacker. Er war schneller als die Fußgänger, und wir brauchten nur eine gute Stunde bis zu unserem Hotel – einer internationalen Karawanserei, wie es sie überall auf der Welt gibt. Von einem amerikanischen Hotel unterschied es sich lediglich durch die Hautfarbe der Boys und Fahrstuhlführerinnen (den typischen Negerjobs in den USA. Mr. Müller aus Chikago ist dort sofort zu Hause).

Ein wenig verlegen steckte der Koffer-Boy das Trinkgeld ein, nachdem er mein Gepäck abgestellt hatte. „Die Amerikaner verderben die guten Sitten“, grollten deutsche Freunde in Japan später. Mit den „guten Sitten“ meinten sie, daß die Japaner bisher zu stolz waren, Trinkgelder anzunehmen. Kellnerinnen und Taxifahrer können ausgesprochen böse werden, wenn man versucht, ihnen ein Trinkgeld zuzustecken. Nur bei den Hotelboys herrschen (bisher) freiere Sitten.