Kein Büro in Washington wirkt so friedlich wie das Dienstzimmer des Verteidigungsministers.

Mit seinen weißen Wänden, der hohen Decke und dem beigen Teppich strahlt der Raum Stille aus. Er beruhigt den Besucher ebenso durch seine riesigen Dimensionen wie durch die gedämpfte Flüsteratmosphäre. Nichts läßt ahnen, daß dies von allen großmächtigen Kommandoposten der Washingtoner Führung der gefährlichste ist.

Acht Verteidigungsminister haben diesen Posten innegehabt. Einer oder zwei überlebten das mörderische Amt mit ungebrochener Kraft und mit Anstand. Aber in den meisten Fällen war es anders. Berühmte Industriekapitäne wurden hier ihres Zaubers entkleidet, schwergewichtige Politiker besiegt, große Nationalhelden ihrer Vitalität beraubt. Einer, dessen Verstand unter der Anspannung zerbrach, sprang aus dem Fenster in den Freitod. Und über fünfzehn Jahre lang hat niemand zu sagen vermocht, wer eigentlich Herr im Hause war.

Nur wenig bedeutet dem umherschweifenden Auge, daß sich die Dinge in diesem Raum heute gewandelt haben. Der Anstrich ist erneuert worden; an die Stelle der Schlachtengemälde, die früher an der Wand hingen, sind Vergrößerungen von Farbaufnahmen aus der Hohen Sierra getreten. Ein billiger Schwarzweiß-Druck von Rouault, lieblos hinter Glas geklebt, ist auf solcher Kommandohöhe etwas Neues. Aber gegenüber dem Rouault sitzt, wie alle Verteidigungsminister vor ihm, der neue Mann hinter dem drei Meter breiten General-Pershing-Schreibtisch; hinter sich hat er den überkommenden General-Sherman-Tisch. Die unerbittliche Wanduhr mit ihrem Sekundenzeiger und der Zeitzonenkarte weist auf die gleichen erdumspannenden Probleme hin, die schon seine Vorgänger plagten.

Der Wandel in diesem Raum kann weder am Dekor noch an den Karten abgelesen werden. Hier geht es um Macht – und Macht kann man nur spüren, nicht sehen. An keinem Anzeichen läßt sich hier ermessen, daß die Schlagkraft der US-Reserven auf dem amerikanischen Kontinent in zwei Jahren verdoppelt worden ist und daß sich zur gleichen Zeit die Reaktionsweise der USA verändert hat – von der nervösen Suche nach einem Kompromiß in Laos (1961) bis zu dem Hammerschlag, der 1962 Chruschtschows kubanische Pläne vereitelte.

Der Mann, der diesen Wandel zustandegebracht hat – Robert Strange McNamara, der achte US-Verteidigungsminister – ist heute nach dem Präsidenten und dessen Bruder der wichtigste Mann der amerikanischen Regierung. Die Macht steht ihm; er trägt sie ernst und leicht.